Wer ist Ich?

Experimentelle Selbsterforschung

"Ich - das ist die unsagbare Verbundenheit des Seins im ewigen Jetzt"

Diese Webseiten von Peter Pfrommer bieten Hintergrundinformationen zu den Themen experimentelle Selbsterforschung, Ichlosigkeit, Advaita und Nondualität und setzen sich mit philosophischen Aspekten des monistischen Idealismus und Materialismus auseinander. 

 

siehe auch: -> Fünf Axiome des Bewusstseins

 


Wozu Selbsterforschung?

1. Vor allem aus Neugierde und der kindlichen Lust am Forschen. Natürlich gibt es unzählige Forschungsfelder. Doch welches Forschungsfeld liegt uns näher und ist uns wichtiger als die Untersuchung unserer selbst?

 

2. Unsere alltägliche Selbstauffassung ist geprägt von einem unterschwelligen Gefühl der Trennung, Unvollständigkeit und Mangelhaftigkeit. Diese Fehldeutung unserer Selbst wirkt als lebenslange Triebfeder für unterschiedlichste Kompensationsstrategien. Dabei wird das Glück u.a. in materiellen Dingen, persönlichen Erfolgen, besonderen Erfahrungen, berauschenden Substanzen oder intensiven Beziehungen gesucht, wo es dauerhaft niemals gefunden wird. In dieser Suche nach dem Glück spiegelt sich die Sehnsucht nach dem eigenen Selbst, das irrtümlich an der falschen Stelle vermutet wird. Ist unsere wahre Natur einmal erkannt, dann erübrigen sich für uns all die anstrengenden und stressbehafteten Aufgaben, die ein als mangelhaft empfundenes und ständig Gefahr witterndes Ich mit sich bringt.

 

3. Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem vollständigen Verschwinden dessen, was wir für unser Ich halten. Diese Angst prägt unser gesamtes Leben und lähmt unsere Kreativität. Die Selbsterforschung zeigt auf, was vergehen kann und in jedem Augenblick auch tatsächlich vergeht. Gleichzeitig verweist sie auf die wahre Realität unserer Natur und macht sinnlich erfahrbar, dass diese Realität niemals verschwinden kann. Unser Ich ist raumlos, zeitlos, unantastbar und es bleibt unversehrt, egal was passiert.

 

4. Die meisten Konflikte auf unserer Welt wie Kriege, Umweltzerstörung und Ausbeutung sind Folge der menschlichen Selbstauffassung als getrenntes Ich. Die Überwindung dieser Auffassung ist daher die Voraussetzung für die Überwindung dieser Krisen. Echte Verantwortung resultiert nicht aus Moral, Gesetzten oder Schuldzuweisungen, sondern aus dem tiefen Empfinden der allumfassenden Verbundenheit von Welt und Ich. 

 


Vorgehen

Die Selbsterforschung oder der "direkte Weg" ist eine uralte Praxis, die insbesondere in indischen Traditionen wie dem Advaita-Vedanta gepflegt wurde. Es geht schlicht und einfach um die Erforschung unserer ureigenen Natur. Und diese Natur ist zeitlos und unabhängig von kulturellen oder religiösen Ansichten. Selbsterforschung heißt einfach: Ergründen-wollen, was wir genau meinen, wenn wir uns selbst mit „Ich“ bezeichnen. Was ist die Natur dieses „Ich“? Auch wenn die Selbsterforschung über ein rein intellektuelles Verstehen der eigenen Identität hinauszugeht, verträgt sie sich vom Ansatz her gut mit dem im Westen vorherrschenden wissenschaftlichen Weltbild, das auch auf einer empirischen Überprüfung der Wirklichkeit beruht. Der experimentelle Zugang zielt direkt auf die menschliche Selbst- und Weltwahrnehmung, die unmittelbar und ohne Voraussetzungen nachvollzogen werden kann. 

 

Im Folgenden wird in fünf Schritten das Prinzip der Selbsterforschung vorgestellt ohne auf Einzelheiten einzugehen. Es verwendet einen für den heutigen Menschen zugänglichen Erfahrungsraum, verzichtet auf jeglichen kulturellen Überbau und verhält sich weltanschaulich neutral.

1. Illusion der Trennung durchschauen

Ein möglicher Einstieg in die Selbsterforschung führt über die Betrachtung der Naturgesetzlichkeit der Weltvorgänge und deren gedanklichen Bewertung als unabhängige Einzelerscheinungen. Im Fokus stehen dabei die Zustände und die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Dingen der Welt und die Interaktionen zwischen uns als Lebewesen mit diesen Dingen. Wie kann es Unabhängigkeit geben, wenn alles in einem unbegrenzten Geflecht von kausalen Beziehungen miteinander in Verbindung steht? Wie soll Trennung zustande kommen, wenn nirgendwo echte Grenzen zwischen Einzelteilen auffindbar sind? Durch die aufmerksame Betrachtung unserer gedanklichen und sprachlichen Zuschreibungen wird deutlich, dass die Aufteilung der Welt in voneinander unabhängige Objekte eine rein mentale Konstruktion darstellt. In Wirklichkeit gibt es keine solche Unabhängigkeit. Auch wir als Lebewesen nehmen keine unabhängige Sonderstellung ein. Auch wenn es uns oft so vorkommt: wir sind nie nur Zuschauer, sondern immer Teilnehmer.

2. Bewusste Gegenwärtigkeit

Für gewöhnlich definieren wir uns über bestimmte körperliche und geistige Eigenschaften. Wir identifizieren uns mit dem Beruf, dem sozialen Status, Besitztümern, Fähigkeiten, Körpermerkmalen etc., womit wir unsere Einzigartigkeit hervorheben und uns von anderen abgrenzen wollen. Im Grunde halten wir uns für ein beschreibbares Objekt. Wir sagen: „Ich bin dies, ich bin das“. Doch alle diese objekthaften Merkmale sind vorübergehend, vergänglich. Sie ändern sich im Leben ständig. Dennoch haben wir das berechtigte Gefühl, dass uns irgendetwas Unveränderliches, Stabiles, Bleibendes im Leben begleitet, dass es etwas gibt, das uns eine verlässliche Ich-Identität verleiht. Doch was ist das? Es hat offensichtlich nichts mit den flüchtigen Attributen zu tun, die wir uns im Alltag zuschreiben. Untersuchen wir unsere direkten unmittelbaren Wahrnehmungen, dann stellen wir fest, dass sämtliche Körperempfindungen, Gedanken und Sinneserfahrungen unbeständig sind, sie kommen und gehen. Dagegen bleibt dasjenige, das die wechselnden materiellen und geistigen Objekte gegenwärtig bezeugt, immer dauerhaft erhalten. Diese immerwährende Gegenwärtigkeit der bewussten Erfahrung bezeichnen wir mit „Ich“.  Wir nennen sie auch Bewusstsein. Durch das beständige gegenwärtige bewusste „Sein“ haben wir das Gefühl, ein verlässliches Ich zu besitzen und ein überschaubares Leben zu führen.

 

3. Wahrnehmungen verschmelzen

Wir haben üblicherweise den Eindruck, dass unser Körper mit seinen Sinnesorganen die Umweltreize erfährt, dass Bewusstsein also etwas ist, das sich in unserem Körper befindet bzw. von unserem Gehirn erzeugt wird. Daher halten wir unsere Gedanken und Gefühle für einen Ausdruck unseres inneren Erlebensraums, während wir Geräusche, Seheindrücke und andere Sinneswahrnehmungen der äußeren Welt zuschreiben. Doch so unterschiedlich die Eindrücke auch sind, müssen wir wirklich, um von dem einen zum anderen zu gelangen, etwas verlassen oder irgendwo eintreten? Müssen wir den Raum wechseln? Betrachten wir vorbehaltlos, wie wir in jedem Augenblick sehen, hören, denken und fühlen, dann erkennen wir, dass sämtliche Erfahrungen eine nahtlose Totalität darstellen und aus derselben Position (dem „hier“) bezeugt werden. Die experimentelle Untersuchung zeigt eindeutig, dass der Körper nichts erfahren kann, sondern dass der Körper selbst Gegenstand der Erfahrung ist. Wir sehen, hören, spüren etc. nicht nur die „äußere“ Welt, sondern auch den „inneren“ Körper. Aus der Perspektive unserer bewussten Gegenwärtigkeit (also aus unserer tatsächlichen Perspektive) macht die Unterscheidung zwischen Innen und Außen, zwischen Körper und Welt, keinen Sinn mehr. Sämtliche Wahrnehmungen verschmelzen.

 

4. Subjekt und Objekt durchdringen sich

Doch diese Betrachtungsweise ist noch nicht vollständig. Hierbei verbleibt eine Trennung zwischen den flüchtigen Objekten der Welt, die uns als Reize, Gedanken und Empfindungen erscheinen, und der bewussten Bezeugung dieser Objekte, die wir als unsere Natur erkannt haben. Unsere bewusste Gegenwärtigkeit und die von uns gemachten Erfahrungen bilden ein Gegenüber. Es existiert nach wie vor eine strikte Unterscheidung zwischen Subjekt (Ich) und Objekt (Erscheinung). Aber lässt sich z.B. ein Höreindruck tatsächlich in zwei Teile aufteilen? Gibt es einen Anteil eines Geräusches, den wir der Ursache (z.B. dem zwitschernden Vogel) und einen anderen Anteil, den wir uns selbst als dem Zuhörer zuschreiben können? Wenn wir den Vorgang des Hörens genau nachvollziehen, dann müssen wir eingestehen, dass zwischen uns als gegenwärtiges Hören und dem bezeugten Geräusch kein Blatt passt. Im Augenblick der Wahrnehmung sind Subjekt (das Hörende) und Objekt (Geräusch) eindeutig eins. Das gilt für alle unsere Wahrnehmungen in gleicher Weise. Es gibt keine bewusste Gegenwärtigkeit, die irgendetwas erfährt, sondern Bewusstsein und Erfahrung verschmelzen, sie durchdringen sich gegenseitig, ähnlich einem Film auf einer Leinwand. Ich bin also nicht nur der gegenwärtige Hintergrund der Erfahrung (die Leinwand), sondern auch die Gestalt, die dieser Hintergrund kurzzeitig hervorbringt. Anders ausgedrückt: Formen entstehen, indem ich, bewusste Gegenwärtigkeit, die Formen annehme, ähnlich Wasser, das an seiner Oberfläche die Form von Wellen annimmt. Wir sind nicht nur die Tänzer, sondern auch der Tanz.

5. Unvergängliches Selbstbewusstsein

Und doch sind unsere bewusste Gegenwärtigkeit und die von uns gemachten Erfahrungen nicht genau dasselbe. Wohin wandert unsere Aufmerkamkeit, wenn wir nach unserer Bewusstheit fragen? Gibt es einen objektiven Beweis für unser gewahres Dasein? Vertiefen wir die Einsicht in unsere gegenwärtige bewusste Anwesenheit, dann wird offensichtlich, dass wir nicht nur bewusst sind, sondern auch immer von uns wissen, dass wir bewusst sind. Das Ich, das weiß, ist das Ich, um das gewusst wird. Wir wissen von uns selbst vor jeder inhaltlichen Erfahrung. Das ist sehr bedeutsam: das Ich, die Bewusstheit unserer Selbst, ist nicht an unsere flüchtigen Erfahrungen gebunden. Während alle inhaltlichen Erfahrungen wie ein Film auf der Leinwand vergänglich sind, bleibt unsere bewusste Gegenwärtigkeit, die Leinwand, unangetastet bestehen, sie ist raum- und zeitlos, allgegenwärtig und ewig. Bewusstsein ist immer selbstbewusst und dieses Selbstbewusstsein ist unvergänglich.

 

Die genannten fünf Punkte markieren einen möglichen Erkenntnispfad in der Selbsterforschung. Während die ersten vier Erkenntnisse unsere Verbundenheit mit allen und allem verdeutlichen und damit unsere leidvolle Selbstauffassung als getrenntes Ich unterminieren, hilft uns der fünfte Aspekt, das lähmende Unbehagen mit unserer persönlichen Endlichkeit zu überwinden. Eine Leinwand wird von den Inhalten des Filmes weder befleckt noch verbogen. In gleicher Weise bleibt unser Ich unangetastet und heil, egal was wir erleben oder erleiden.


Wirkung

Der experimentelle Zugang zu unserer Natur fördert eine Selbst-Erfahrung, die im Idealfall unser leidvolles Selbstbild als getrennte Person endgültig zerstört. Doch das ist oftmals nicht sofort der Fall.  Unsere Selbstauffassung als getrenntes Selbst sitzt tief, sie stellt eine unserer stärksten Konditionierungen dar. Aber selbst wenn der Glaube an ein getrenntes Ich vorerst bestehen bleibt, können die experimentellen Erfahrungen sehr befreiend wirken. Denn sie vermögen unserer Sehnsucht eine neue Richtung, unserem Leben Orientierung zu geben. Wurde zuvor Glück und Freude ausschließlich in Beziehungen und Gegenständen, Praktiken und Fähigkeiten, also in den Objekten unserer Anschauung gesucht, dann kehrt sich der Blick nun um und richtet sich auf uns selbst. Wir beachten nicht mehr nur die Gegenstände unserer Aufmerksamkeit, sondern wir suchen nach dem Ausgangspunkt der Aufmerksamkeit selbst. Wir sinken zurück in uns selbst und erforschen mehr und mehr unsere gegenwärtige Wachheit, von der alles seinen Ausgang nimmt. In der Konsequenz lösen sich die Fesseln der alten objekthaften und begrenzten Selbstauffassung und das damit verbundene existentielle Leid vielleicht zunächst unmerklich aber unaufhörlich auf. Und uns wird bewusst, dass die angesprochenen Ich-Paradoxien und Verbesserungskonzepte logische Konsequenzen einer falschen Selbstauffassung waren, die mit der neuen weiteren Sicht unserer Selbst ihre Schärfe verlieren und mit der Zeit wegfallen können.


Eine humorvolle Reflexion zu Fragen der eigenen Identität bietet die Geschichte vom Teufelchen:


Hier finden Sie eine geführte Meditation zur Erforschung der eigenen Natur: