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Experimentelle Selbsterforschung und Künstliche Intelligenz (KI)

Alle Menschen bezeichnen ihre eigene Identität mit „Ich“. Aber lässt sich ein „Ich“ auch künstlich erzeugen? Lässt es sich technisch konservieren? Können wir dieses „Ich“ künstlich verbessern bzw. optimieren? Das sind drängende Fragen, die sich nicht nur im Kontext mit künstlicher Intelligenz und dem Transhumanismus stellen. Doch all diese Fragen setzen voraus, dass wir genau wissen, was mit der Bezeichnung „Ich“ überhaupt gemeint ist. Was wird darunter verstanden? Unser Körper? Unsere Persönlichkeit? Unser Denken? Oder doch etwas ganz Anderes? Hier setzt die sog. „Selbsterforschung“ an.


Die Selbsterforschung oder der "direkte Weg" ist eine uralte Praxis, die insbesondere im indischen Advaita-Vedanta gepflegt wurde. Selbsterforschung heißt: Ergründen-wollen, was wir genau meinen, wenn wir uns selbst mit „Ich“ bezeichnen. Hierbei zeigt sich, dass die Natur dieses „Ich“ zeitlos ist und unabhängig von kulturellen oder religiösen Ansichten. Daher lässt sich die Selbsterforschung vom Ansatz her gut an das im Westen vorherrschenden wissenschaftlichen Weltbild anpassen, das auch auf einer empirischen Überprüfung der Wirklichkeit beruht. Diese angepasste Form der Selbsterforschung, hier experimentelle Selbsterforschung genannt, verwendet einen auf den modernen Menschen abgestimmten Erfahrungsraum und lässt sich von ihm unmittelbar und ohne Voraussetzungen nachvollziehen. Folgende Überlegungen bieten einen kurzen Einstieg in die experimentelle Selbsterforschung und erlauben erste Antworten auf die eingangs gestellten Fragen.


Die Substanz des Ich

Die moderne Gehirnforschung bzw. die Neurowissenschaften bezeichnen die menschliche Ich-Auffassung als neuronal erzeugte Illusion. Diese Aussage ist teils richtig und teils falsch. Die Deutung des Ich als gegenständliches getrenntes Objekt, als individuelles oder persönliches Selbst ist tatsächlich eine Illusion, eine mentale Fehldeutung. Die Erfahrung, dass ein Ich gegenwärtig ist, ist dagegen keine Illusion, sondern eine unleugbare und fundamentale Wahrheit unseres Daseins.


Alle Menschen machen gleichermaßen die Erfahrung als Ich gegenwärtig anwesend zu sein. Und diese Ich-Erfahrung scheint sich im Leben nicht zu ändern. Wir sagen z.B. „Ich bin 40“, „Ich habe Hunger“, „Ich bin glücklich“ usw. Diese Ich-Aussagen verbinden jeweils das „Ich“ mit unterschiedlichen Zuständen und Erfahrungen. Während die Zustände und Erfahrungen wechseln, bleibt der Ich-Bezug immer in gleicher Weise erhalten. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit zurück! War das Ich, das den ersten Schultag erlebt hat, nicht dasselbe Ich, das jetzt diesen Text liest? War und ist nicht die bloße Tatsache Ihrer Erfahrung „Ich bin hier und erlebe das“ vollständig identisch? Haben Sie nicht den Eindruck eine bleibende Identität zu besitzen?


Was ist das nun für ein Bezug, der im Leben immer konstant erhalten bleibt? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch unser Verstand und er hält eine zunächst überzeugende Lösung parat: es ist der eigene Körper. Denn unser Körper und mit ihm der denkende Geist waren immer anwesend. Sie begleiten uns seit unserer Geburt. Diese mentale Verbindung der bleibenden Ich-Erfahrung mit dem Körper ist die Geburtsstunde der gegenständlichen, individuellen Ich-Auffassung, dem getrennten Ich. Dass es sich hierbei um eine Fehldeutung handelt, ähnlich einer Fata Morgana, bleibt den meisten Menschen zeitlebens verborgen.


Um die tatsächliche Substanz der Ich-Erfahrung aufzudecken analysieren wir nacheinander alle verschiedenen Formen der Erfahrung, die vereinfacht in die Kategorien „Gedanken“, „Körperempfindungen“ und „Sinneseindrücke“ eingeteilt werden. Konzentrieren Sie sich zunächst auf den Fluss Ihrer Gedanken, z.B. auf die sogenannte „innere Stimme“. Stellen Sie sich dann die Frage, ob sich mit dem Gedankenfluss Ihre Ich-Erfahrung ändert. Wird durch das Erscheinen eines Gedankens wie z.B. „Der Text ist langweilig“ etwas zu Ihrem Ich hinzugefügt? Oder verschwindet mit dem Gedanken etwas von Ihrem Ich? Fehlt Ihrem Ich etwas, wenn Sie gerade mal nicht denken? Ich vermute, dass Ihre Ich-Erfahrung durch ihre Gedanken nicht beeinflusst wird. Das bedeutet aber, dass das Ich kein Gedanke darstellt, also mit dem Denken nicht direkt in Verbindung steht.


In ganz ähnlicher Weise können wir unsere Körperempfindungen und Gefühlen als vorübergehende Erscheinungen erkennen. Sie dauern vielleicht länger als die flüchtigen Gedanken, aber auch sie sind definitiv nicht bleibend. Atmen Sie bewusst ein und aus! Fragen Sie sich, ob sich mit dem Atemgefühl etwas an Ihrer Erfahrung als Ich anwesend zu sein ändert. Ganz sicherlich nicht. Ihr Ich ist also auch keine Empfindung oder Gefühl.


Schließlich sind auch unsere Sinneseindrücke wie Sehen, Hören, Riechen und Schmecken, mit denen wir unsere Umgebung registrieren, alles andere als konstant und sie beeinflussen wohl kaum unsere beständige Ich-Erfahrung. Andernfalls hätte ein blinder, ein tauber oder ein Mensch ohne Geruchs- oder Geschmackssinn eine geringere Ich-Erfahrung als ein gesunder Mensch. Das ist aber natürlich Unsinn. Und wenn Sie kurz die Augen schließen und wieder öffnen, dann werden Sie eindeutig feststellen, dass sich durch den Wegfall des Augenlichts nichts an Ihrer Ich-Erfahrung ändert. Das beweist, dass das Ich auch keine Sinneserfahrung darstellt.
Alles was ein Objekt unserer Wahrnehmung sein kann, alles Gegenständliche bzw. Dinghafte, aber auch alles Geistige und Fühlbare ist wechselhaft und flüchtig. Damit bietet es keine Basis für unsere bleibende Ich-Erfahrung, für unser unbestreitbares Wissen, dass wir als die Erfahrenden anwesend sind. Alles WAS wir wahrnehmen, sind wir nicht. Das Ich besitzt keine objekthaften Eigenschaften.
Wem diese Schlussfolgerung zu schnell geht, dem sei noch folgende Überlegung anheim gelegt: Unser Dasein zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns selbst und die Welt um uns herum erfahren. Doch was ist es genau, was da erfährt? Unser Körper mit seinen Sinnen? Unser denkender Geist? Nein! Gegenstände bzw. Dinge können nichts wahrnehmen, sondern sie werden wahrgenommen. Geräusche und Gerüche können nichts wahrnehmen, sondern sie werden wahrgenommen. Gedanken können nichts wahrnehmen, sondern sie werden wahrgenommen. Gefühle und Empfindungen können nichts wahrnehmen, sondern sie werden wahrgenommen. Zieht man in Gedanken einen Strich unter diese Feststellungen, dann ergibt sich: Objekte können nichts wahrnehmen, sie werden wahrgenommen. Dasjenige, was wahrnimmt, kann also selbst nichts Objekthaftes sein, es wäre sich sonst selbst im Weg.


Es gibt also neben allen objekthaften Erfahrungen (Gedanken, Gefühle, Gegenstände) auch eine konkrete NICHT-objekthafte Erfahrung, die auf uns selbst verweist. Wird diese Tatsache nicht nur rational verstanden, sondern als fundamentale Wahrheit entsprechend begriffen, dann ändert sich das eigen Selbstempfinden in entscheidender Weise.


Der Bewusstseinsraum

Was ist das für eine „nicht-objekthafte Erfahrung“, die wir als unsere Identität entdeckt haben? Wie ist dieses gegenstandslose Ich zu verstehen? Natürlich könnte man an dieser Stelle folgerichtig schließen, dass das Ich mit dem gleichgesetzt werden kann, was man technisch oder wissenschaftlich als „Bewusstsein“ bezeichnet, als das gegenwärtige Wissen um unser Sein bzw. als das „wissende Element“ in aller Erfahrung. Besser ist es, sich auf metaphorische Weise langsam zu nähern, indem man sich unter der Ich-Erfahrung zunächst einen Art Raum vorstellt, ein geistiges Feld, einen Behälter, in dem alle objekthaften Erfahrungen wie unsere Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen auftauchen und wieder vergehen. Ich nenne diesen Raum im Folgenden „Bewusstseinsraum“.


So wie sämtliche materiellen Gegenstände einen dreidimensionalen Raum benötigen, in dem sie existieren können, so bedürfen auch alle unsere Wahrnehmungen einen Hintergrund, in dem sie eingebettet sind. Die Buchstaben eines Textes können nur gelesen werden, wenn sie sich von der weißen Farbe des bedruckten Papiers abheben. Ein Geräusch lässt sich nur als solches erfassen, wenn es aus einem leiseren Hintergrund oder aus der „Stille“ herausklingt. Wenden Sie sich Ihrer inneren Stimme zu und denken Sie in Zeitlupe: „Worin – (Pause) – höre – (Pause) – ich – (Pause) – die – (Pause) – Gedanken“. Im zeitlichen Zwischenraum zwischen den einzelnen Gedankenworten offenbart sich der Bewusstseinsraum als konkrete Erfahrung.


Während die einzelnen Wahrnehmungen, seien es Gedanken, Gefühle oder Sinneseindrücke, ständig variieren, bleibt der Hintergrund der Wahrnehmung, der Bewusstseinsraum, immer konstant anwesend.


Bewusstsein und Inhalte

Zum besseren Verständnis wird auf Bild 1 zunächst streng zwischen zwei Kategorien unterschieden: dem Wahrgenommenen und dem Wahrnehmenden. Das Wahrgenommene umfasst sämtliche Gegenstände, Dinge, Gedanken und Empfindungen, die wir als solche erfahren. Alle diese Erfahrungen sind objekthaft beschreibbar. Wir können uns über sie verbal austauschen. Sie sind außerdem von vorübergehender Natur und sie lassen sich zueinander in Vergleich setzen. Objekte können z.B. größer oder kleiner, besser oder schlechter, heller oder dunkler sein. Auch Empfindungen und Gefühle sind stärker oder schwächer, angenehmer oder weniger angenehm, ausgebreitet oder begrenzt. Alles Wahrgenommene ist daher relativ. Da das Wahrgenommene metaphorisch im sogenannten Bewusstseinsraum enthalten ist, könnte man es auch als Bewusstseins-INHALTE bezeichnen.


Dagegen handelt es sich bei dem Wahrnehmenden um eine NICHT-objekthafte Erfahrung, weshalb wir es verbal auch nicht in konkrete Worte fassen können. Wir können uns dem Wahrnehmenden nur metaphorisch nähern. Da es die Bewusstseins-Inhalte bewusst bezeugt, könnte man „Zeuge“ dazu sagen. Da es um seine gegenwärtige Anwesenheit weiß, wäre auch „wissendes Sein“ oder „Gewahrsein“ passend. In technisch-naturwissenschaftlicher Hinsicht nennen wir es „Bewusstsein“. Als Ausdruck unserer Identität verstehen wir darunter unser „Ich“. In Hinblick auf seine Unbeeinflussbarkeit und Widerstandslosigkeit sind auch Metaphern wie „Friede“ oder „Offenheit“ passend. Weniger glücklich empfinde ich die eher im Buddhistischen zu findenden Umschreibungen wie „Leere“ oder „Nichts“, da sie das bezeugende „lebendige“ Moment ignorieren.


Im Gegensatz zu den Bewusstseins-Inhalten ist das wahrnehmende Bewusstsein nicht vorübergehend, sondern bleibend. Da es keine Attribute besitzt, kann es nicht verglichen werden. Es kennt auch kein Gegenteil. Demnach ist es nicht relativ, sondern absolut. Die Absolutheit der Ich-Erfahrung setzt sie auch in einen religiösen Kontext.


Zwischen dem Wahrgenommenen und dem Wahrnehmenden besteht scheinbar eine klare Grenze, die auf Bild 1 als senkrechter Strich bzw. Farbenwechsel in Erscheinung tritt. Tatsächlich gibt es diese Grenze in Realität nicht. Das Wahrgenommene und das Wahrnehmende (Sender und Empfänger) sind im Vorgang des Wahrnehmens niemals getrennt, was auch experimentell erfahrbar gemacht werden kann.


Der Wahrnehmungskegel

Man kann den Bewusstseinsraum wie auf Bild 2 auch als einen Bewusstseinskegel deuten. An dessen Spitze ruht das formlose bezeugende Ich-Bewusstsein. Im Kegel, uns scheinbar am nächsten, befinden sich unsere Gedanken gefolgt von unseren Körperempfindungen. Daran schließt sich unsere Umgebung an, die vereinfacht durch die Weltkugel symbolisiert wird und die über unsere Sinne auf uns einwirkt. Die meisten Menschen und wohl auch höhere Tiere haben nun den Eindruck, dass ihr Körper mit seinen Sinnesorganen und seinem denkenden Geist einer ihm fremden Welt gegenübersteht. Die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich wird im Bereich der Körperoberfläche gezogen, die durch die senkrechte Linie rechts symbolisiert wird. Die Linie wandert nach links, je mehr sich Menschen mit ihrem denkenden Geist identifizieren und den Körper als Eigentum des Ich betrachten. Grob gesagt kennzeichnet die Lage der Grenze innerhalb des Wahrnehmungskegels die egoistische Phase der Bewusstwerdung mit seiner charakteristischen Selbstauffassung als getrenntes Ich.


Die Selbsterforschung der eigenen Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke beweist aber eindeutig, dass nicht der Körper eine ihm fremde Welt bezeugt, sondern Welt und Körper werden beide entsprechend Bild 2 vom Bewusstsein bezeugt. Die Aufteilung der Wahrnehmungen in ein Innen und Außen, in ein „in mir“ und „nicht in mir“ ist nicht real, sondern Folge einer gedanklichen Interpretation. Tatsächlich verläuft also die vermeintliche Grenze nicht zwischen Körper und Welt, sondern weiter links zwischen Ich-Bewusstsein und seinen Inhalten. Der Wechsel der Perspektive stellt einen entscheidenden Schritt dar, der die Erfahrung der Ich-Identität in die richtige Richtung rückt. Die volle Klarheit erfolgt, wenn die Grenze ganz links im Ich-Bewusstsein verschwindet.


Metaphorisch könnte man das Bewusstsein und seine Inhalte auch mit Leinwand und Film vergleichen. Während der Film sich in Zeit und Raum ständig ändert, bleibt die Leinwand als Projektionsfläche immer gleich. Film und Leinwand sind aber nicht getrennt. Der Film lässt sich nicht von der Leinwand abheben oder abkratzen. Andererseits kann der Film die Leinwand nicht verschmutzen, beschädigen oder gar zerstören. Entsprechend ist das Bewusstsein Voraussetzung für jede gegenständliche Erfahrung, es ist jedoch nicht auf diese Erfahrung begrenzt.


Eigenschaften des Bewusstseins

Mit Hilfe des experimentellen Ansatzes lassen sich weitere Eigenschaften des Bewusstseins nicht nur ableiten, sondern auch erlebbar machen. Dazu gehören folgende wesentliche Erkenntnisse:


•    Bewusstsein ist immer selbstbewusst
•    Bewusstsein gründet immer im zeitlosen „Jetzt“
•    Auch die Bewusstseins-Inhalte bestehen aus Bewusstsein
•    Bewusstsein ist unbegrenzt und unpersönlich


Der erste Punkt ist für das Verständnis von „Identität“ entscheidend. Wenn ich Sie frage: „Wissen Sie, dass Sie bewusst sind?“, dann werden Sie mir kaum mit „nein“ antworten. Die eigene Bewusstheit beinhaltet, dass wir auch registrieren, dass wir bewusst sind. Etwas Anderes würde überhaupt keinen Sinn ergeben. Stellen Sie sich vor, Sie sind bewusst, wissen aber nicht, dass Sie bewusst sind. Sind Sie dann bewusst oder nicht? Oder nehmen Sie an, Sie spüren einen Schmerz, erfahren aber nichts davon, dass Sie ihn spüren. Schmerzt es dann oder nicht? Die Erfahrung „bewusst zu sein“ setzt also immer voraus, dass Bewusstsein sich selbst als bewusst erfährt. Es ist selbstbewusst. Bewusstsein steht sich selbst nicht in einem Subjekt-Objekt-Verhältnis gegenüber. Wir, Bewusstsein, müssen uns nicht kneifen, um unsere Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen. Wir wissen es auch so. Kurz: eine Leinwand benötigt keinen Film, um als Leinwand zu existieren.  


Warum ist das so wichtig? Weil diese Selbstreflexivität bzw. Selbstspiegelung des Bewusstseins die Wurzel unseres Identitätsempfindens ist. Sie ist es, die wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen. Ohne diese Selbstspiegelung würde unsere Selbstwahrnehmung in einen unendlichen Regress münden, der keinen endgültigen Standpunkt zulässt.


Aber auch der letzte Punkt ist für unser Leben von entscheidender Bedeutung. Denn gemäß der üblichen Auffassung besitzt jeder Mensch sein eigenes Bewusstsein, das seinen Sitz, wenn auch nicht auffindbar, irgendwo im Körper hat. Das individuelle Bewusstsein teilt somit die räumlichen und zeitlichen Begrenzungen des Körpers. Diese Auffassung ist der Urgrund für alles psychologische Leid, das in der Angst vor dem Tod wurzelt. Da wir richtigerweise intuitiv unsere Identität mit unserem Bewusstsein verknüpfen (im Gegensatz zu unserem Verstand, der das Ich materiell als „Ding“ deutet), fürchten wir uns vor nichts mehr, als dass wir dauerhaft unser Bewusstsein verlieren. Deshalb ist es eine entscheidende Frage, ob Bewusstsein tatsächlich auf einen Körper begrenzt sein kann.  
Hat man das Wesen des Bewusstseins experimentell untersucht und verstanden, dann löst sich das Problem auf. Denn wie oder durch was sollte etwas Absolutes, das keine gegenständlichen Relationen kennt, begrenzt sein? Wäre es begrenzt, dann würde die Grenze als Objekt in Erscheinung treten. Oder kurz gesprochen: etwas Absolutes ist von Natur aus unbegrenzt, sonst ist es nicht absolut.


Das Bewusstsein bildet immer die größtmögliche Hülle und dehnt sich zuverlässig über alles hinaus aus, was sich im Wahrnehmungsfeld befindet. So wie niemals eine Begrenzung des dreidimensionalen Raumes gefunden werden kann, lässt sich auch niemals eine Grenze für das Bewusstsein entdecken. Ist Bewusstsein aber endlos, dann kann man das Bewusstsein wohl kaum auf eine individuelle Projektionsfläche einschränken und einem individuellen Gehirn als Besitz zuschreiben. Oder lässt sich der erlebte dreidimensionale Raum unserer Welt auf die einzelnen Wesen, die darin leben, aufteilen? Leben wir nicht alle im selben dreidimensionalen Raum? Muss es dann nicht auch derselbe Bewusstseinsraum sein, der diesen dreidimensionalen Raum jeweils bewusst bezeugt? Das kann im Grunde nur folgendes bedeuten: Wir alle besitzen dasselbe Bewusstsein und damit dieselbe Ich-Identität. Es gibt nur ein Selbst!


Alle objekthaften Ausprägungen unserer Existenz (Persönlichkeit, Charakter, Fähigkeiten) sind individuell und völlig einzigartig. Keine Person gleicht einer anderen. Dasjenige aber, das aus unseren Augen herausblickt, das die objektive Welt wahrnimmt, ist NICHT individuell, sondern unpersönlich. Auch intuitiv wissen wir um die Übereinstimmung in unserer Essenz, wir nennen sie Liebe. Liebe ist das Wissen um die Untrennbarkeit aller Wesen im Sein. Und dieses Wissen um die Einheit alles Seins, die Liebe, ist die wahre Grundlage aller Ethik. Sie ist die fundamentale Triebfeder für jegliche Verantwortung und für umsichtiges Handeln. Der hier vorgestellte experimentelle Ansatz enthüllt nicht nur diese liebevolle Wahrheit unseres Wesens, sondern hilft uns dabei, das Gefühl der Verbundenheit durch eigene direkte Erfahrung nach und nach ins Leben zu integrieren.


Lässt sich das "Ich" technisch konservieren?

Unsere Identität kann und muss nicht konserviert werden. Sie ist ohnehin raum- und zeitlos anwesend. Dagegen lassen sich die flüchtigen Bewusstseins-Inhalte ggf. eine Zeit lang aufbewahren. Das ist es, was wir ohnehin versuchen, wenn wir Erinnerungen in Form von Fotos, Texten, Audios, Filme etc. konservieren. Vermutlich wird es hier in Zukunft bessere technische Lösungen geben, um die geistigen Inhalte auf Datenträger für längere Zeit zu speichern. Vielleicht wird es irgendwann eine direkte Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer geben. Wichtig ist jedoch zu erkennen, dass hierdurch kein „Ich“ gerettet wird, sondern lediglich gegenständliche, persönliche Sachverhalte bzw. Daten. Diese Sachverhalte bzw. Daten sind reine „Objekte“ und besitzen selbst keine Wahrnehmungs-Fähigkeit. Außerdem sind sie – wie alles Objekthafte - auch bei noch so sorgfältiger Konservierung irgendwann dem Verfall ausgesetzt, die Pyramiden und Mumien lassen grüßen.


Lässt sich Bewusstsein künstlich herstellen?

In einem erweiterten Sinne geht es hier um die Frage, ob Bewusstsein eine Folge von „Materie“ (in Form des Gehirns) oder Materie eine Folge von Bewusstsein (in Form einer Anschauung) ist. Unsere Kultur favorisiert derzeit die erste Ansicht, obwohl es dafür keinen Beweis gibt. Schließlich geht jeder „stofflichen“ Wahrnehmung ein Bewusstseinsakt voraus. Unsere Auffassung von Materie besteht aus Farben, Klängen, Tasterlebnissen etc., die alle Modalitäten des Bewusstseins darstellen. Materie an sich, ohne Akt der Wahrnehmung, wurde noch nie und kann wohl auch nie festgestellt werden. Auf jeden Fall steht in unserer eigenen direkten Anschauung Bewusstsein immer vor jeder inhaltlichen Erfahrung. Und unsere direkte Erfahrung ist die einzige Wahrheit, die nicht geleugnet werden kann.


Blicken Sie um sich! Egal was Sie betrachten, jedes Objekt, jede Farbe, jede Form besteht nur aus Ihrer bewussten Erfahrung, dass dieses Objekt, diese Farbe oder diese Form gerade da ist. Auch in Ihrer Erinnerung finden Sie kein Objekt, das unabhängig von Ihrer bewussten Erinnerung existent wäre. Sämtliche Empfindungen, die der höchsten Freude ebenso wie die der tiefsten Depression, setzen Ihre wissende Gegenwärtigkeit, also Bewusstsein, voraus. Ein Beweis für die Nichtexistenz von Materie ist das zwar nicht, aber die Betrachtung zeigt, dass sich die Welt auch ohne das Konzept „Materie“ vollständig erklären lässt!


Die Vorstellung einer materiellen Gehirnfunktion, die als Beobachter im Gehirn wirkt und die für uns die Welt wahrnimmt (sieht, hört, fühlt etc.) führt zu einem unlogischen unendlichen Regress von ineinander gebauten Beobachtern. Denn jeder Beobachter bräuchte ja seinerseits wiederum in sich einen Beobachter, der das gesehene Bild erfasst. Entsprechend findet sich im Gehirn nachweislich kein „Zentrum“ des Erlebens. Bezeugendes Bewusstsein lässt sich naturwissenschaftlich (bio-physikalisch) bzw. materiell also nicht erklären. Der Versuch mündet in dem klassischen Dilemma, das als „hard problem of consciousness“ weithin bekannt ist.


Die Frage nach der künstlichen Realisierbarkeit von Bewusstsein beruht daher ganz offensichtlich auf einem Verständnisfehler. Die Frage ist vergleichbar mit der Überlegung, ob die Figuren in einem Film durch technische Mittel eine Leinwand hervorbringen oder ob eine Traumfigur in einem Traum einen Träumer erschaffen kann. Eine nicht-objekthafte Erfahrung lässt sich nicht durch Objekte erklären. Wie sollte es dann möglich sein, sie durch einen technischen, objekthaften Vorgang zu erzeugen? 


Lässt sich das "Ich" künstlich verbessern?

Hier muss man unterscheiden. Wir haben festgestellt, dass das „Ich“ bzw. die eigene Identität mit dem gleichgesetzt werden kann, was man gemeinhin als Bewusstsein bezeichnet. Dieses Bewusstsein bleibt immer, was es ist. Das Absolute kennt keine Entwicklung. Entwicklung kann sich nur im Relativen entfalten, wo Merkmale und Unterscheidungen vorhanden sind. Das Absolute hat keine objektiven Eigenschaften, die sich unterscheiden und entfalten könnten. Insofern ist auch keine Verbesserung der eigenen Identität möglich.


Das heißt aber nicht, dass im alltäglichen Leben kein Fortschritt möglich wäre. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob wir, Bewusstsein, uns für eine getrennte, sterbliche Person halten oder diese Ansicht als Fehlaufassung erkennen. Bewusstsein schreibt sich selbst in Form des menschlichen Körpers eine endliche und begrenzte Identität zu. Das ist, wie gesagt, der Ursprung allen Leides. Alles Leid rührt daher, dass Bewusstsein glaubt, eine biophysikalische Eigenschaft des Körpers zu sein und damit seine räumlichen und zeitlichen Begrenzungen zu teilen.


Dieser scheinbare Verlust an Vollkommenheit ist auch der Ursprung für alle möglichen unsäglichen Aktivitäten, diese verlorene Vollkommenheit zurückzugewinnen. Bewusstsein verliert sich sozusagen immer weiter in objekthaften Erfahrungen und sucht sich dabei selbst in diesen Objekten (Geld, Anerkennung, spirituelle Weisheit etc.) um seine scheinbar verlorene Ganzheit wiederzufinden.
Wenn es also eine sinnvolle Entwicklung bzw. Verbesserung des „Ich“ gibt, dann besteht ihr Ziel darin, diese Fehlauffassung zu korrigieren und damit das Leid zu beenden. Die „Selbsterforschung“ bietet hierzu einen möglichen Weg, da sie die Ich-Identität wieder an die richtige Stelle rückt (siehe Abb. 2). Die volle Klarheit ist zurückgewonnen, wenn erkannt wird, dass ich, Bewusstsein, grenzenlos bin. Das ist das Paradies! Denn nun bin ich mir, Bewusstsein, selbst gewiss als Zeuge und Welt.


Um diese erlösende Erkenntnis zu erzielen, bedarf es keiner technischen Innovationen, keiner genetischen oder biologischen Optimierungen. Gerade der Glaube, dass Glück in materiellen Errungenschaften, technischen Verbesserungen oder geistigen Zuständen zu finden sei, steht unserem Glück im Wege. Wahres Glück kann nicht erreicht werden, weil wir es schon sind. Statt angestrengt irgendwelchen Zielen nachzujagen, genügt die Rückbesinnung auf das, was wir immer schon waren: zeitloses, grenzenloses Bewusstsein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Evelyn (Mittwoch, 03 Januar 2024 18:52)

    WOW;
    vielen lieben Dank, für die klare und gradlinige Aufschlüsselung dieses komplexen Themas. Dadurch steht das jetzt auch nichtspirituellen Menschen leicht verständlich zur
    Verfügung z.B. meinem rein wissenschaftlich denkenden Freund - mal sehn, wie er sich
    dafür öffnen kann ....danke