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Du und das Teufelchen - Eine Begegnung 1. Teil

Das Teufelchen kam mir zum ersten mal unter, als ich den TeilnehmerInnen des Kurses "Wer ist Ich?" die unterschiedlichen Ich-Auffassungen darzulegen versuchte ohne all zuviel Langeweile zu verbreiten. Seither ist mir das Teufelchen immer wieder begegnet und die unten aufgeführten anekdotenhaften Gesprächsnotizen verstehen sich als spontane und unvollständige Zeugnisse, die im Laufe der Zeit vermutlich durch weitere teuflische Unterhaltungen ergänzt werden müssen.   


1. Begegnung - Identität

2. Begegnung - Kreuzfahrt

3. Begegnung - freier Willen

4. Begegnung - positiv Denken

5. Begegnung - nicht Denken

6. Begegnung - ewiges Leben

7. Begegnung - Glückseligkeit



1. Begegnung - Identität

Du begegnest dem Teufelchen unerwartet. Plötzlich ist es da. Es grinst Dich schelmisch an. Ein wenig möchte Furcht in Dir aufsteigen, doch das Teufelchen erscheint Dir nicht wirklich bedrohlich. Es ist von kleiner Statur, seine Hörner sind nur angedeutet und seine grünlich matten Augen vermitteln eher einen sanften Eindruck. Insgesamt wirkt das Teufelchen wie ein Engelchen in Teufelskostüm. Um so mehr baut sich das schmächtige Wesen nun vor Dir auf, rückt seine Brust nach vorne und zischt Dich von unten her an: „Ich könnte Dich sofort töten! Aber ich will Dir noch eine Chance geben.“ Ein kurzer Schreck durchfährt dich. Hast Du das Wesen richtig eingeschätzt? Doch das Teufelchen lässt Dir keine Zeit zum Nachdenken. Es fährt mit überlegener Stimme fort: “Ich habe eine Alternative für Dich: Ich stecke Dich in einen anderen Körper, und zwar in einen Körper, der mit Deinem jetzigen nichts gemein hat. Er ist von anderem Geschlecht, von anderem Alter, von anderer Statur. Er wird sich völlig anders anfühlen, lässt sich anders bewegen, besitzt andere Beschränkungen und Schmerzen. Dafür bleibst Du ansonsten wer du warst und ich lass dich am Leben. Was hältst du von dem Vorschlag?“ Mittlerweile ist dir klar geworden, dass mit dem Wesen nicht zu Spaßen ist und in deiner Not beginnst du, die Alternativen abzuwägen. Es wird dir sofort klar, dass der angebotene neue Körper der totalen Auslöschung deiner Existenz vorzuziehen wäre. Aber so recht will dir die Lösung nicht gefallen. Zu lange hast du dich mit deinem alten Köper eins gefühlt, als dass du ihn so schnell gegen einen anderen eintauschen möchtest. „Sag mal,“ antwortest du mit gespieltem Respekt. „Ein Teufel wie du hat doch bestimmt noch andere Möglichkeiten im Angebot, oder nicht?“ Das Teufelchen presst die Lippen aufeinander und wiegt seinen Kopf betont nachdenklich hin und her. „Na gut,“ meint es schließlich. „Ich lasse dir deinen geliebten Körper. Stattdessen nehme ich dir all deine Erinnerungen. Ich nehme dir alles, was dich mit deinem bisherigen Leben geistig verbindet. Du wirst ansonsten alle Fähigkeiten behalten, wirst nach wie vor lesen, sprechen und Autofahren können. Aber du wirst nicht mehr wissen, wer du warst. Ich setzte deine Gedanken über dich selbst auf Null.“ Das Teufelchen blickt dich triumphierend an. Du dagegen wirst immer unsicherer. Es führt irgendetwas im Schilde, denkst du. Dieses Angebot ist schließlich noch weniger akzeptabel als das vorherige. Besser als der Tod, ist es indes schon. „Du hast sicher noch einen dritten Vorschlag“. Du blickst das Teufelchen aufmunternd an. „Ja, ich habe tatsächlich noch einen letzten Vorschlag,“ erwidert es mit teuflischer Vorfreude. „Ich lass dir deinen Körper und alle geistigen Bezüge zu deinem bisherigen Leben. Alles wird so weitergehen können wie bisher. Es bleibt dir alles erhalten, was du gelernt hast. Deine Überzeugungen, Neigungen, Bedürfnisse, Wünsche und Ängste werden die alten sein. Auch deine Reaktionen auf deine Umwelt werden so natürlich aussehen wie immer. Niemand wird etwas von meinem kleinen Eingriff merken.“ Das Teufelchen spricht den letzten Satz weg, als wäre er von geringer Bedeutung, womit er natürlich die gegenteilige Wirkung erzielt. „Was für einen Eingriff?“ entfährt es dir alarmiert. „Nun,“ erklärt das Teufelchen als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Ich nehme dir das Licht des Bewusstseins. Du wirst genauso weiterleben wie bisher. Wie ein Schlafwandler wirst du exakt das tun, was du getan hättest, ohne meinen Eingriff. Du wirst nur nichts mehr davon merken.“ „Aber,“ bricht es nun aus dir heraus. „Was ist denn das für ein Angebot? Wo ist den da der Unterschied zum Tod? Für mich zumindest sehe ich keinen!“ Da lacht das Teufelchen so herzlich, dass dir ganz merkwürdig wird. Was, denkst du noch immer verunsichert, möchte das kleine Wesen erreichen? Glucksend antwortet es schließlich mit amüsierter Stimme: „Ich bin doch nur ein kleines Teufelchen, ich kann dich gar nicht töten.“ Die Worte beruhigen dich nur leicht. „Schau“, spricht es schließlich in vertraulichem Ton. „Ich wollte dir nur helfen. Ich wollte dir nur klar machen, wer du wirklich bist.“ Und mit diesen Worten ist es plötzlich verschwunden.                    


2. Begegnung - Kreuzfahrt

Plötzlich ist es wieder da. Lässig lehnt es an einer Wand und schaut mit leicht geneigtem Kopf erwartungsvoll in deine Richtung. In seinen Gesichtszügen erkennst du einen Hauch von Vorfreude. Auch diesmal wirkt das Teufelchen nicht wirklich schrecklich, aber sein gesenkter Blick verrät auch jetzt nichts Gutes. „In Ordnung,“ beginnst Du das Gespräch, um von deinem Unbehagen abzulenken. „Was hast du diesmal im Angebot?“ Das Teufelchen scheint von deiner Offenheit fast ein wenig überrascht. „Ahh, du machst es mir leicht,“ antwortet es nach einer kurzen Pause. „Dafür mache ich dich zu einer ganz wichtigen Person und schicke dich auf eine Kreuzfahrt.“ Mit seiner rechten Hand zeichnet es eine Wellenbewegung in die Luft. „Vorausgesetzt natürlich, dass du einwilligst.“ Einen kurzen Augenblick schaut es nachdenklich auf seine Hände, dann fügt es mit betont glaubwürdigem Tonfall hinzu: „Alles ganz freiwillig, selbstverständlich.“ Dir ist natürlich klar, dass man einem Teufel nicht trauen kann. Und du versuchst auch gar nicht dein Misstrauen zu verbergen. „Was redest du da? Was für eine Kreuzfahrt?“ willst du wissen. Das Teufelchen räuspert sich, wohl um zu zeigen, dass es nun zu einer langen wichtigen Rede ansetzt. „Nun,“ beginnt es fast feierlich. „Wie gesagt, Du machst eine Kreuzfahrt auf einem wunderbaren Traumschiff. Dort gibt es alles, nach was du dich sehnst: Eine Sonnenterrasse zum Faulenzen, ein Büfett zum Schlemmen, nette Leute zum Feiern…“. Dem Teufelchen bricht ab und sucht nach Worten. Es scheint auf dem Gebiet der Lebensfreude nicht besonders bewandert zu sein. „Was es halt so gibt, auf einem Traumschiff,“ ergänzt es schließlich. „Und, ach ja, wenn du magst, darfst du natürlich gerne Kapitän sein. Dann bist du eine besonders wichtige Person und alle werden dich achten und ehren.“ Mit dem letzten Angebot ist das Teufelchen zufrieden, denn es grinst über das ganze Gesicht. Natürlich ist dir klar, dass man das Angebot eines Teufels niemals annehmen darf und ohnehin waren Schiffsreisen nie deine Sache. Um deiner gespielten Selbstsicherheit treu zu bleiben, frägst du mit leicht genervtem Unterton: „Danke für das Angebot. Und wo ist diesmal der Haken?“ „So misstrauisch?“ antwortet das Teufelchen mit einer Gegenfrage und zwinkert dir zu. „Ja gut, da ist vielleicht eine Kleinigkeit, die man erwähnen sollte,“ fährt es mit nüchternem Tonfall fort. „Das wunderbare Kreuzschiff hat ein Leck, an einer ziemlich unzugänglichen Stelle. Es wird also irgendwann untergehen, zwangsläufig. Niemand weiß wann, aber es wird passieren, definitiv. Und niemand kann es verhindern. Ihr werdet vermutlich alles tun, um das Leck zu stopfen. Aber es wird vergeblich sein. Früher oder später… Titanic.“ Die rechte Hand des Teufelchens senkt sich nach unten und seine nach oben gestreckten Fingerchen zappeln dabei aufgeregt hin und her. „Ver – zich – te“, zischt du das Teufelchen wütend an, um ihm endgültig zu zeigen, dass es dir mit seinen Angeboten fernbleiben soll. Das Teufelchen weicht einen Schritt zurück und hält seine Hände schützend vor seine kleine Brust. Kurz sieht es erschrocken aus, doch dann prustet es los und überschüttet dich mit schallendem Gelächter. „Aber,“ vor Lachen kann es kaum sprechen. „Aber denk doch mal scharf nach,“ fordert es dich gackernd heraus. „Bist du nicht vielleicht schon losgefahren?“ Im nächsten Moment mündet das Lachen in einem Knall und es zerreißt das Teufelchen in einer Rauchwolke. 


3. Begegnung - freier Willen

Nicht schon wieder, denkst du genervt, als das Teufelchen plötzlich wieder vor dir steht. Statt etwas zu sagen, seufzt du tief und blickst das kleine Geschöpf missmutig an. „Du freust dich wohl nicht, mich zu sehen?“ beginnt das Teufelchen mit gespielt erstauntem Tonfall. „Dabei habe ich heute ein ganz besonderes Geschenk für dich“. Du wendest dich ruckartig von dem Teufelchen ab. Es soll sehen, dass du auf die Unterhaltung keinen Wert legst. Das scheint das Teufelchen aber nicht zu beeindrucken und es fährt munter fort: „Ich schenke dir heute die Kontrolle über deine Gedanken, Gefühle und Entscheidungen.“ Das Teufelchen schaut dich von der Seite erwartungsvoll an. Du schweigst weiter. „Na komm schon,“ sagt das Teufelchen. „Spiel mit. Entscheide dich. Sag was!“ Um den Plagegeist loszuwerden, gibt du schließlich nach. Du drehst dich zu ihm und plärrst ihm ins Gesicht: „Ich entscheide mich für: nein, nein und nochmals nein. Verstanden? Wann gibst du endlich auf?“ Das Teufelchen fixiert dich mit leicht zugekniffenen Augen. Dabei reibt es mit seinen tatzenartigen Händen an seinem spitzen Kinn und murmelt betont nachdenklich: „Du entscheidest dich… aha… die Aussage ist ein wenig unlogisch jetzt, nicht wahr?“ Dir ist sofort klar, worauf es anspielt. Daher erwiderst du geschickt: „Ich brauch dein Geschenk nicht, da ich es schon habe.“ Das Teufelchen scheint genau auf diese Reaktion gewartet zu haben, denn es grinst über beide Backen. Sein diebisches Lachen kommt dir bekannt vor. „Oho, du hast es schon. Um so besser. Dann gestatte mir eine Frage. Wenn du die Kontrolle über deine Gedanken hast, warum freust du dich dann nicht über unsere Begegnung? Freude ist doch sehr viel angenehmer als Ärger.“ Mit diesen Worten rückt es seine Hüften zurecht und bringt seinen kleinen Körper andeutungsweise in eine anzügliche Haltung. „Weil ich dich nicht mag,“ wehrst du ab. „Es ist meine freie Entscheidung dich nicht zu mögen.“ „Nicht unbedingt. Beweis mir deine Freiheit. Erlaube dir mich zu mögen!“ Etwas in dir wiederstrebt, dem Teufelchen zu gehorchen. „Wer soll mir etwas erlauben?“, fragst du provokant, aber das Teufelchen lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Dasjenige in dir, dass dich daran hindert mich zu mögen.“ „Und wenn auch dasjenige dich nicht mag?“ „Dann kümmere dich um dessen Befinden. Was hindert es mich zu mögen?“ Nun hat es das Teufelchen wieder geschafft, dich zu verwirren. Wie soll man denn Freiheit beweisen können, insbesondere nach einer Aufforderung? Jeder Beweis wäre ja gerade der Beweis des Gegenteils. Und was in dir ist für die Freiheit verantwortlich? Und woher kommt dessen Freiheit? Wo ist sie überhaupt, die Freiheit? Das Teufelchen beobachtet dich gelassen und schüttelt schließlich verständnislos den Kopf. „Siehst du nun,“ sagt es in mitleidsvollem Ton. „Du hättest mein Geschenk doch annehmen sollen.“ Dann schnippt es mit seinen Fingerchen und ist verschwunden. 


4. Begegnung - positiv Denken

Kaum hast du dich von der wirren Erscheinung des Teufelchens erholt, da steht es auch schon wieder vor dir. Es hat sich dir einfach in den Weg gestellt. Und noch bevor du sein erneutes Auftauchen mit einem „Was willst du denn jetzt noch?“ quittieren kannst, fängt es auch schon an auf dich einzureden: „Vergiss die Sache mit dem freien Willen. Ich habe etwas Besseres für dich. Ich verleihe dir die Fähigkeit deine Gedanken jederzeit positiv zu beeinflussen. Das scheint dir ja wirklich schwer zu fallen, wie ich eben erfahren musste. Wenn also in dir ein unangenehmes Gefühl von sagen wir mal Einsamkeit oder Angst auftaucht oder wenn du wieder in Gedanken das Teufelchen verfluchst, dann lenkst du, zack, deine Aufmerksamkeit auf die lichten Seiten des Daseins, auf diesen wunderbaren Frühlingstag zum Beispiel, und schon steigt deine Stimmung. Mit ein wenig Übung im Schöndenken wird dir dein ganzes Leben insgesamt viel angenehmer werden. Und nicht nur das. Auch alle deine Mitmenschen werden sich an dir erfreuen und dir viel freundlicher begegnen als bisher. Hej, jetzt schau nicht schon wieder so kritisch. Positiv thinking, das ist echt cool heute. Das wirkt! Das ist wissenschaftlich erwiesen.“ Du trittst von einem Fuß auf den anderen. In dir stauen sich genau jene Gefühle, die das Teufelchen gerne abschaffen möchte. Aber diesmal lässt du dich nicht vom Teufelchen abservieren. Diesmal wirst du es ihm zeigen. „Mein liebes Teufelchen,“ skandierst du mit gepresster Stimme. „Meine Gefühle und Gedanken sind mir heilig, die abscheulichsten Lünchgedanken ebenso wie die erhabensten Gebete. Du glaubst wohl ich bemerke deine Tricks nicht? In dem Moment, in dem ich beginne, meine Gedanken und Gefühle zu manipulieren, wird sich der Eindruck in mir breit machen, dass genau diese Regungen nicht in Ordnung seien, dass ich nicht mal fähig wäre, von selbst richtig zu denken und zu fühlen. Ich werde die ohnehin angekratzte Selbstachtung verlieren und mein persönlicher Eindruck der Mangelhaftigkeit wird sich verstärken und ausweiten. Nein danke, das ist kein gut gemeintes Angebot, sondern eine Einladung in die Depression, mein Freundchen!“ Du giftest das Teufelchen so feindselig an, dass es erschrocken zurückweicht. „Zum Teufel mit deinem positiven Denken!“ Diesmal gibst du ihm keine Zeit für weitere Einwendungen. Sein gedrechseltes „Ich hätte noch eine Variante…“ ignorierst du völlig, hastest an ihm vorbei und lässt es einfach stehen. 


5. Begegnung - nicht Denken

Eigentlich hast du nicht erwartet, dass dich das Teufelchen lange in Ruhe lässt. Doch es hat sich mehrere Wochen nicht mehr blicken lassen. Jetzt, da du kaum noch damit rechnest, entdeckst du es plötzlich. Es sitzt auf einer alten Gartenmauer, die Beine merkwürdig verschränkt, den Kopf gesenkt, das Kinn gegen die Brust gedrückt. Seine Augen sind halb geschlossen. „Meditierst du jetzt?“ frägst du verblüfft. Das Teufelchen wiegt sein Köpfchen fast unmerkbar langsam hin und her. Schließlich hebt es gemächlich die Augenlider als würde es aus einem langen Schlaf erwachen. Entsprechend klingt sein Stimmchen. Wie aus weiter Ferne haucht es: „Ahh, es tut mir so leid. Ich war unachtsam. Ich habe dich mit unsinnigen Angeboten belästigt ohne deren Nebenwirkungen zu beachten. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit.“ Das ist ja die Höhe, denkst du. Das Teufelchen macht jetzt einen auf Reue. „Das nimmt dir niemand ab!“ plärrst du es an, ohne seine kontemplative Ruhe auch nur einen Augenblick zu würdigen. „Sei nicht so grob!“ säuselt es mit seidener Stimme. „Ich habe lange nachsinniert, um etwas Überzeugendes für dich zu finden, etwas, das keine Nebenwirkungen hat. Und tatsächlich, ich hatte eine Eingebung, nein, mehr noch, es war wie eine Erleuchtung.“ Es reckt seine Ärmchen gegen den Himmel wie ein Prediger, der Gottes Wort entgegennimmt und fährt mit gesalbter Stimme fort: „Worin liegt das tatsächliche Problem unseres kleinen Disputes? Freies Denken, positives Denken? Welch ein Unsinn! Wie Recht du hattest. Wie konnte ich es übersehen? Das Problem liegt natürlich im Denken selbst. Das Denken ist es, das uns von unserer wahren Natur, unserem tiefen persönlichen Glück abhält. Das Denken behindert uns am wahren Sein. Lasst uns also das Denken lassen!“ Seine letzten Worte klingen als spräche das Teufelchen zu einer großen Gemeinde. Das ist ja immerhin mal ein interessanter Ansatz, denkst du währenddessen und fühlst dich bereits geködert. „Und wie soll das gehen?“ „Das ist genau das Problem. Dazu benötigt man normalerweise zwanzig Jahre intensive Meditation, so wie sie die buddhistischen Mönche üben. Aber jetzt kommt mein einmaliges, exklusives Angebot: Ich verleihe dir die Fähigkeit „nicht zu denken“ mit sofortiger Wirkung, ohne Klosteraufenthalt, ohne langes Praktizieren. Das ist ein echtes spirituelles Highlight. Das kannst du nicht ausschlagen.“ Und tatsächlich, die Offerte erscheint dir sehr verlockend. Denn deine eigenen Versuche, das Gedankenkarussell längere Zeit anzuhalten, waren bisher immer kläglich gescheitert. Und waren es nicht gerade diese grüblerischen Gedankenströme, die dir schon manchen Tag vermiest hatten? Solltest du nicht dieses eine Mal, das Angebot des Teufelchens zumindest testen? „Also gut,“ sagst du. „Nehmen wir mal an, ich lasse mich auf dein Angebot ein und beende daraufhin meine Gedanken.“ „Das würde dir freistehen, darum geht es,“ bestätigt das Teufelchen und nickt gütig mit dem Kopf. „Und das gelingt mir dann mit aller letzter Konsequenz?“ frägst du sicherheitshalber, während ein ungeheurer Verdacht in dir hochsteigt. „Aber selbstverständlich, ohne jede Einschränkung. Wir machen doch hier keine Halbheiten,“ entgegnet das Teufelchen entrüstet. „Teuflisch!“ raunst du. „Und wie, bitte schön, bringe ich meine Gedanken danach wieder in Gang? Wie soll ich meine Gedanken irgendwann fortsetzen, wenn ich doch nicht Denken, keine Entscheidung treffen kann? Bedeutet das Stoppen der Gedanken nicht ein endgültiges geistiges Aus? Willst du mich ins ewige mentale Nirwana schicken, du mieser Verräter?“ Du kochst vor Wut. „Nun ja,“ druckst das Teufelchen verlegen. Du greifst nach einem abgebrochenen Ast, der am Wegesrand liegt. „Nein, nicht doch,“ schreit das Teufelchen und springt auf. „Lass mich wenigstens eine zweite Variante…“ Noch bevor du zuschlagen kannst, hopst das Teufelchen rücklings von der Mauer und verschwindet einige Haken schlagend im Gestrüpp.


6. Begegnung - ewiges Leben

Diesmal siehst du es schon von weitem. Es ist nicht zu übersehen. Es lehnt wieder an Deiner Hauswand, hält seinen Schwanz in der Hand und lässt ihn lässig in der Luft kreisen. Seine Miene ist absolut siegessicher. „Du bist schlimmer als meine Telefongesellschaft,“ sagst du mit resignierendem Ton und bleibst in sicherer Entfernung stehen. „Ich habe wirklich keine Mühen gescheut,“ beginnt das Teufelchen gut gelaunt. „Ich habe jeden Winkel meiner Hölle durchsucht. Und ich habe schließlich genau das richtige für dich gefunden!“ „Eine Flatrate auf den Mond“, entgegnest du mit gespielt gleichgültiger Stimme. „Das ewige Leben!“ triumphiert das Teufelchen. „Du bekommst von mir das ewige Leben. Gesetz denn Fall, dass du es willst.“ Die letzten Worte lässt das Teufelchen über die Lippen perlen, als wären sie aus Champagner. Wow, das ist tatsächlich ein erstaunliches Angebot, denkst du und blickst das Teufelchen misstrauisch von der Seite an: „Und, worin besteht diesmal die Gegenleistung?“ „Was denkst du von mir?“ flötet das Teufelchen unschuldig. „Keine, nichts, nothing!“ Dann deutet es mit beiden Zeigefinger auf dich und fügt herausfordernd hinzu: „Erzähl mir doch mal, was du gerne machst.“ Das Teufelchen hat es immerhin wieder geschafft, Dich zumindest neugierig zu machen. Du suchst nach einer möglichst unverfänglichen Antwort. „Naja,“ sagst du schließlich. „Ich bin gerne an der freien Natur. Wandern und so.“ „Sehr gut,“ schießt das Teufelchen sofort los. „Wenn du mein Angebot annimmst, dann darfst du die nächsten 100 Jahre, nein 100.000 Jahre, ach was unendlich Jahre in einer paradiesisch schönen Landschaft wandeln.“ Einen Augenblick sinnierst du der Vorstellung nach. Dabei macht sich eine leicht einsame Stimmung in dir breit. Als hätte das Teufelchen das bemerkt, hakt es sofort nach: „Komm schon, das kann nicht alles sein, was bereitet dir sonst noch Freude?“ „Ich treffe mich gerne, mit Freunden und so…“. Du sprichst einfach aus was in dir ist. „Noch besser!“ Das Teufelchen breitet seine kurzen Arme aus als wolle es dich umarmen. „Das ist es! Wenn du mein Angebot annimmst, dann darfst du dich die nächsten 100 Jahre, nein Millionen Jahre mit deinen besten Freunden treffen. Mit unendlich vielen Freunden! Und mit mindestens so vielen Liebhabern…“ Das Teufelchen streckt dir seine ledrige Hand entgegen. „Schlag ein!“ Diesmal scheint es absolut siegesgewiss. Doch du schiebst deine Hände erschrocken hinter deinen Rücken. Ein Schaudern durchläuft deinen Körper. Ein unendlich langes Paradies erscheint dir plötzlich fürchterlich. „Das ist ja die Hölle!“ keuchst du angewidert. Da wechselt die Stimmung des Teufelchens schlagartig und in seinem Gesicht blitzt es düster auf. „Was hast du denn erwartet…“ murmelt es tief traurig. „… von einem Teufel? In meiner Hölle gibt es unendlich viele Dinge, schnelle Autos, prächtige Inseln, interessante Personen. Aber alles Gegenständliche, alles Erleb- und Genießbare ist nun mal begrenzt. Und auf die Dauer ist alles Begrenzte unendlich fürchterlich. Aber ich habe nichts anderes in meiner Hölle zu bieten. Die Hölle, das ist die Trennung.“ Plötzlich hast du den Eindruck als blickt dich das Teufelchen hilfesuchend an. Das einsame Gefühl in dir ist verschwunden und es machst sich stattdessen Mitgefühl breit, Mitgefühl für einen Teufel. Und dann streckst du deine Hand aus, um das Teufelchen an seinem schlaffen Arm zu berühren. Und als du seinen Arm antippst, lächelt es beseelt und während es sich auflöst scheint sich das Lächeln auszubreiten und mit allem zu vereinen, was um dich und in dir ist.


7. Begegnung - Glückseligkeit

Du hast es lange nicht mehr gesehen. Doch nun sitzt es in der Abenddämmerung auf einem Hügel am Wegesrand im Gras, blickt über die weite schattenhafte Landschaft, die sich unter ihm erstreckt. Das Teufelchen kehrt dir den Rücken zu und lockt dich nicht. Es ist ganz still. Du trittst zu ihm und schließlich lässt du dich neben ihm im Gras nieder. Und du bist es auch, die als erstes etwas sagt: „Ich habe nicht erwartet dich wiederzusehen.“ Das Teufelchen nickt langsam. Du bemerkst seinen traurigen Gesichtsausdruck. „Ich dachte, die Sache mit den Angeboten wäre nun vorbei,“ fügst du mit leicht spöttischem Ton hinzu. Das Teufelchen schüttelt bedächtig den Kopf. Es scheint nicht zu Scherzen aufgelegt zu sein. Endlich beginnt es zu sprechen: „Nein, es gibt noch ein letztes Angebot, das ich dir machen muss.“ Es schien diesmal keine Freude damit zu haben. Lange schaut es auf das weite Feld vor ihm, auf dem sich fast unmerklich der Dunst und das Grau der Dämmerung ausbreitet. Schließlich fährt es fort: „Du musst dich entscheiden. Wenn du einverstanden bist, dann lasse ich diese Welt endgültig verschwinden und biete dir stattdessen eine zeitlose Glückseligkeit, jenseits aller Leiden dieser Welt, völlig vereint mit dir selbst, ohne Trennung, ohne die leiseste Ahnung von etwas Fassbarem, das nicht zu dir gehört, der reine Frieden, end- und raumlose Liebe…“ Eine winzige Träne stiehlt sich aus seinen schwarzen Knopfaugen und bleibt an der rußverschmierten Wange kleben. Sein Gesicht sieht auf einmal sehr viel älter aus. Der schalkhafte Ausdruck um seine Mundwinkel ist gänzlich verschwunden. „Und was ist die Alternative?“ Du frägst mit einer gewissen Anteilnahme. Seine rätselhafte Trauer lässt dich nicht ganz unberührt. „Ja die Alternative…“ Das Teufelchen dreht einen Grashalm zwischen seinen knöchrigen Fingerchen. „Als Alternative schenke ich dir noch eine einzige Nacht. Du kannst selbst entscheiden wo du sie verbringen willst.“ Es schnippt den Grashalm in die laue Abendluft. „Zum Beispiel an einem einsamen Strand. Der Mond taucht die Bucht in sein silbernes Licht. Du läufst barfuß durch den warmen Sand, lässt dir die Wellen um die Fußknöchel spülen. Du spürst noch einmal den feuchten Wind vom Meer, das Salz auf den Lippen, den Atem, der durch deine Lungen zieht, den Puls unter deinen Schläfen. Noch einmal ergreifen dich die Sehnsucht und der Schmerz. Und wenn sich am Morgen die Sonne hebt, dann wirst du sterben und du wirst vorher nicht wissen, was Sterben bedeutet. Das ist das Angebot. Eine einzige weitere Nacht! Mehr habe ich nicht mehr zu bieten.“ Es blickt auf seine behaarten Hände. „Du musst dich zwischen einem der beiden Möglichkeiten entscheiden, Glückseligkeit oder Strand. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.“ Ein kalter Schauer läuft dir über den Rücken. Diesmal ist dir klar, dass es das Teufelchen ernst meint, kein Trick, kein doppelter Boden. Du streichst mit deiner Hand verlegen über das feuchte Gras neben dir und schweigst. In deinem Kopf will sich kein Gedanke finden. Da ist nur Leere, Stille, Beklommenheit. „Also gut“, brummt das Teufelchen plötzlich mit neuer Energie als wäre ihm gerade eine Idee gekommen. Du hast sogar den flüchtigen Eindruck, als husche ein feines Lächeln über sein Gesicht. „Wir machen es so,“ schlägt es mit entschiedener Stimme vor. „Wenn du die Glückseligkeit wählst, dann sag es jetzt. Ansonsten gilt das zweite.“ Seine Worte hallen durch deinen Kopf. Du bist wie erstarrt. Du suchst nach einer geeigneten Antwort, aber du findest sie nicht. Einen Augenblick scheint die ganze Welt wie eingefroren. Nichts geschieht. Doch dann plötzlich erhebt sich das Teufelchen. Kurz schaut es zu dir herunter und grinst verschmitzt. War da ein Zwinkern? Dann schreitet es mit gleichmäßigen Schritten ohne sich nochmal umzublicken den Hügel hinab. Eine Weile noch lässt sich die graue Silhouette zwischen den Feldern und Büschen verfolgen, dann verschmilzt sie mit dem Dunkel der Nacht. Du bleibst wie gefesselt sitzen. Das Blut pocht in deinem Kopf. Einen Moment lang will Panik in dir aufsteigen, doch dann besinnst du dich. Das Teufelchen besitzt nicht die Macht etwas anderes geschehen zu lassen, als ohnehin geschieht. Da bist du dir sicher. So war es bisher immer und so wird es auch diesmal sein. Du atmest tief ein und lässt langsam die Abendluft durch deinen Körper strömen. Dabei weichen die Reste der Angst einer eigenartigen Gewissheit, einer beschützenden Sicherheit, die in der weiten Offenheit der einbrechenden Nacht zu ruhen scheint. Und im kurzen Krächzen eines fernen Vogels liegt ein Hauch von Glückseligkeit. Eine zeitlose Weile sitzt du da. Dann erhebst du dich und machst dich wie verzaubert auf den Rückweg nach Hause. Diesmal ist dir klar, dass du das Teufelchen nie wiedersehen wirst.