· 

Existiert der Mond, wenn niemand ihn betrachtet

Hallo Herr Pfrommer, 

eine Frage quält mich etwas: Wenn es nur Bewusstsein gibt, wozu dann der riesige Aufwand der z. B. in der Materie zu finden ist. Auch wenn Alles aus Bewusstsein besteht. Ich meine, wenn ich einen Tisch oder einen Menschen ansehe, dann könnte dieser doch innen vollkommen leer sein. Es würde ja langen, wenn das Bewusstsein nur die äußere Form darstellt. Wie bei einem Film, den ich mir ansehe?


Ja, sehr gute Frage! Hm. Wer sagt uns eigentlich, dass es nicht doch nur die äußere Form gibt?

 

Stellen Sie sich eine Traumsituation vor: Sie träumen, Sie bohren in einen Tisch, und es quellen Holzspäne heraus (die Analogie am Menschen lassen wir hier lieber beiseite). Im Traum entsteht der Eindruck, der Tisch habe ein Innenleben – er sei also mehr als nur äußere Form. Tatsächlich existiert dieses „Innenleben“ jedoch nicht; es erscheint lediglich so im Traum.

 

Diese Überlegung lässt sich auf unsere erfahrbare Wirklichkeit übertragen: In dem Moment, in dem ich etwas „Inneres“ untersuche, wird es selbst zum Gegenstand – also zu etwas „Äußerem“. Das Innere, falls es überhaupt existiert, entzieht sich der direkten Betrachtung.

 

Im Kern berührt Ihre Frage ein klassisches philosophisches Problem: Existiert der Mond auch dann, wenn niemand ihn betrachtet? Eine mögliche Antwort wäre: Als gesehene Form existiert der Mond nur im Akt des Sehens – und Sehen ist ein Bewusstseinsvorgang. Gleichzeitig scheint es jedoch einen „Mechanismus“ zu geben, der bewirkt, dass verschiedene Menschen – selbst aus unterschiedlichen Perspektiven – denselben Mond wahrnehmen. Aus dieser Überlegung heraus entsteht die Position des sogenannten Realismus.

 

Allerdings ist Realismus nicht gleich Materialismus. Es ist durchaus denkbar, dass es eine „äußere Welt“ gibt, die für die Konsistenz unserer Wahrnehmungen sorgt – ohne selbst materiell im klassischen Sinne zu sein. Für mich erscheint es plausibel, dass diese „äußere Welt“ weder räumlich noch zeitlich noch in irgendeiner Form strukturiert ist. Das Einzige, was wir mit Gewissheit sagen können: Sie ist bewusst – denn genau das erfahren wir unmittelbar an uns selbst.

 

Es spricht daher einiges dafür, dass diese „äußere Welt“ mit dem identisch ist, was wir „Bewusstsein“ nennen. Doch auch das bleibt letztlich nur ein Wort für etwas, das sich der endgültigen Beschreibung entzieht.

 

Ich versuche das nochmal zusammenzufassen: Alles, was wir wahrnehmen – auch das scheinbar „Innere“ von Dingen – erscheint uns ausschließlich als äußere Form im Akt der Wahrnehmung. Diese Form wird im Bewusstsein hervorgebracht. Das bedeutet jedoch nicht, dass es jenseits dieser Erscheinungsform nichts gibt. Vielmehr könnte es ein „Etwas“ geben, das diese Wahrnehmungen ermöglicht – ohne selbst formgebunden zu sein und daher ohne Innen und Außen.

 

Eine begrenzte Analogie wäre ein Bild auf einem Bildschirm: Die sichtbaren Formen entstehen aus „formlosen“ digitalen Zuständen im Hintergrund.

 

Ich hoffe, dieser Antwortversuch hilft ein wenig weiter. Das Thema ist kniffelig. Tausende von schlauen Philosophen haben sich darüber schon den Kopf zerbrochen. Ich will mir nicht anmaßen, hier wirklich neues Licht in das Thema gebracht zu haben …

 

Liebe Grüße aus Coburg

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0