· 

Atemmeditation und Selbsterforschung

Vorbemerkung

Selbsterforschung kann an jedem Ort und in jeder Situation durchgeführt werden. Sie benötigt keine besonderen Voraussetzungen. Das erforderliche Laboratorium und der Versuchsaufbau sind jederzeit verfügbar. Benötigt werden lediglich ein beliebiges Objekt und das Selbst. 

 

Viele Meditationen verwenden den Atem bzw. die Atembeobachtung als Anker um den Geist zu beruhigen und den Körper zu entspannen. Das funktioniert erfahrungsgemäß recht zuverlässig. Allerdings stellt der Atem nach wie vor ein Objekt dar, an den sich der Geist bindet. Der Geist ist also bei der Atemmeditation nach wie vor auf „etwas“ gerichtet, auf ein Geschehen oder auf ein Ding. Die gewohnheitsmäßige Fesselung des Geistes an die Objekte der Betrachtung wird daher nicht aufgelöst, sondern, durch die spezielle Fokussierung, in gewisser Weise sogar noch verstärkt.  

 

Die folgende Meditation zur Selbsterforschung nutzt den Atem lediglich als Ausgangspunkt der experimentellen Untersuchung. Die unmittelbare Beschäftigung mit ihm wird dabei nach und nach aufgelöst. Ich habe diese Meditation mit einer Gruppe von Studierenden in einem Kurs zur Selbstentspannung improvisiert. Die Studierenden waren vorher noch nicht mit dem Prinzip der Selbsterforschung in Berührung gekommen. Trotzdem wurde dabei eine sehr dichte und gegenwärtige Atmosphäre erreicht, die sich naturgemäß in einem Text nicht wiedergeben lässt. Ich habe die Improvisation nachträglich aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, um das Schema zu erhalten und ggf. weiter entwickeln zu können. Der folgende Text stellt in diesem Sinne nur ein grobes Gerüst dar. Er lässt sich beliebig ausformulieren und variieren. 


Meditation

Bei dieser Atemmediation ist es relativ egal, auf welche Weise Sie ihren Atem beobachten. Sie können das im Sitzen oder im Liegen tun, wie auch immer Sie sich wohl fühlen. Es sollte Ihnen allerdings möglich sein die Augen zu schließen. Auch die spezielle Atemtechnik an sich spielt keine Rolle. Falls Sie wenig Erfahrung mit Atemtechniken haben, dann empfehle ich Ihnen einfach tief in den Bauch zu atmen, so dass sich die Bauchdecke spürbar hebt und senkt. 

 

Richten Sie also Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem und beobachten sie die Körperempfindungen, die beim Atmen auftreten. Schließen Sie dabei die Augen. Mit dem Einatmen weitet sich der Bauchraum, ein gewisses Druckempfinden stellt sich ein. Beim Ausatmen entspannt sich der Bauchraum wieder. Versuchen Sie das optische Bild ihres Körpers fallen zu lassen und nehmen sie einfach wahr, was durch den Atem geschieht. 

 

Atemmeditationen sind zunächst nützlich, um die Aufmerksamkeit von den 1000 Dingen dieser Welt, die uns ständig beschäftigen, abzulenken - weg von unseren Bildschirmen, Wünschen, Sorgen, Ängste usw. hin zu einem einzigen Ding, dem Atem. Dabei haben wir schon den Eindruck uns selbst näher zu kommen.

 

Stellen Sie nun fest, dass sich der Atem ständig ändert. Es gibt keinen Moment, der dem vorherigen gleicht. Ständig ist etwas im Gange. Die Körperempfindungen unterliegen einem steten Wandel. Mal ist da Druck, dann Zug, Mal Wärme, dann Kälte, Kribbeln, Pochen, Strömen, Streichen. Körperempfindungen lassen sich schwer beschreiben. Je mehr wir sie beobachten, desto vielfältiger erscheinen sie uns. 

 

Fragen Sie sich, wie lange ein Atemzug dauert. Egal wie lange er dauert, er ist endlich. Und kein Atemzug hat dieselbe Dauer auch wenn es vielleicht so erscheint. 

 

Der Atem kommt und geht. Alles ändert sich ständig.

 

Alle Dinge ändern sich ständig. Selbst ein Stein, den wir für sehr dauerhaft halten, ändert sich, wandelt sich um. Wir müssen ihn nur lang genug beobachten, um das zu erkennen. Alles was wir wahrnehmen, unterliegt einem solchen sich ständig ändernden Prozess. Beständige Dinge gibt es gar nicht. Ein Stein ist ein Prozess, genauso wie der Atem.

 

Hier beginnt die Selbsterforschung. Beobachten Sie ihren Atem! Der Atem weitet sich, verharrt unmerklich kurz und fließt zurück, steigt auf und geht. Er bleibt niemals was er gerade ist. Er ist flüchtig, unbeständig, instabil. Aber nun kommt die entscheidende Frage: Gibt es in der Beobachtung des Vorgangs irgendwas, was sich nicht ändert, was immer da ist, was bleibt, was ruht, was nicht kommt und vergeht? Versuchen Sie das Bleibende im Vergänglichen zu entdecken! Versuchen Sie zu ergründen, ob dem wechselnden Atem etwas Konstantes, etwas Ruhendes begegnet! 

 

Sie werden bestätigen, dass da irgendetwas ist, das nicht dem Wandel unterliegt, das nicht kommt und geht wie der Atem. Doch was ist das? Vielleicht haben Sie den Eindruck, dass das Ihr Körper ist, der immer anwesend zu sein scheint. Doch wenn Sie nur darauf achten, was Sie tatsächlich spüren und sich den Körper nicht gedanklich vorstellen, dann besteht Ihr Körper aus einer Ansammlung von Empfindungen. Und diese Empfindungen ändern sich ständig. Sie sind alles andere als dauerhaft. Der Körper ist ein Prozess, genau wie der Atem.

 

Sie finden nichts Beständiges? Dann haben Sie im Grunde recht. Alles, auf was wir unsere Aufmerksamkeit richten können, ist immer eine Art Ding, eine Empfindung, ein Gedanke oder eine Sinneswahrnehmung. Und all das ändert sich ständig, bleibt niemals, was es gerade ist. Wir können also niemals „etwas“ finden, das sich nicht ändert. Wir können niemals unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, das bleibend wäre. 

 

Und doch, nochmal, haben Sie nicht den Eindruck, dass Sie jetzt gerade die Erfahrung von Dauerhaftigkeit, von Unveränderlichkeit machen? Ist es nicht gerade diese gegenwärtige Erfahrung, die immer da ist? 

 

Machen Sie sich klar, dass in diesem Moment ein Bezeugen, ein Registrieren, ein Bemerken des Atems vorhanden ist. Sie, wer sonst, bezeugen den Atem. Wenn das nicht der Fall wäre, dann könnten wir uns jetzt nicht darüber austauschen. Sie wissen, dass jetzt gerade ein Atmen stattfindet. Sie nehmen den Atem wahr. Ist es nicht so?

 

Sind dieses gegenwärtige Bezeugen, ihre bewusste Anwesenheit, ihre Präsenz, das Wissen um ihr Dasein und um das Dasein des Atems auch vergänglich? Wenn der Atem kommt, kommt dann auch Ihre wissende Anwesenheit? Wenn der Atem geht, verschwinden Sie dann mit ihm von der Bildfläche? Sind Sie also mal weg und dann wieder da? Ist Ihr Sein an den Atem gebunden? Oder ist es nicht genau umgekehrt? Der Atem kommt und geht, Sie aber als das gegenwärtige Wissen um den Atem bleiben immer konstant anwesend, unberührt. Das Bleibende, das wir erfahren, ist nicht in den Dingen, in den Prozessen, sondern es ist in unserem Wissen um das Dasein dieser Dinge. Wir selbst sind der bleibende und stete Hintergrund hinter aller Änderung.

 

Gehen wir noch einen kleinen Schritt weiter und untersuchen diese unzweifelhaft vorhandene Erfahrung unserer Gegenwärtigkeit noch etwas genauer. Finden Sie in dieser Präsenz, in diesem gegenwärtigen Wissen Ihres Daseins eine Begrenzung? Fehlt dieser Präsenz irgendetwas? Kann man etwas davon wegnehmen oder hinzufügen? Ändert sich zum Beispiel diese Gegenwärtigkeit mit dem Atem? Nein, ganz offensichtlich nicht. Gäbe es eine Begrenzung, gäbe es einen Mangel, dann wäre Ihre Gegenwärtigkeit nicht bleibend, nicht unveränderlich, sondern sie würde zu einem Prozess, zu einem Ding. Etwas, was nicht dinglich ist, kann auch nicht begrenzt sein. Es kann auch nicht fehlerhaft, es kann überhaupt nicht irgendwie sein. Es ist.

 

Sie sind kein Ding! Sie sind kein Prozess! Sie sind niemals das, auf was sich Ihre Aufmerksamkeit richten kann. Sie leben nicht in der Zeit und auch nicht im Raum, den Sie bezeugen. Gegenwart kennt kein Vergehen. Gegenwart ist. Sie sind. Verweilen Sie in diesem Sein! Das Verweilen im wissenden Sein ist die höchste Meditation. Wir sind dort angekommen. Danke schön fürs mitmachen.