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Bewusstsein und Nahtoderlebnisse

Hallo Her Pfrommer,

 

erneut lese ich in Ihrem Buch "ICH - WER IST DAS", langsam meine ich es auch zu verstehen.

Gleichzeitig lese ich sehr viel über Nahtoderlebnisse. Hier wird ja berichtet, wie das Bewusstsein aus dem Körper tritt und sich betreffende Personen selbst und ihr Umfeld beobachten können. Ich zweifele nicht an diesen oft übereinstimmenden Berichten, u. a. auch von Kindern. In diesen Momenten fühlen sich diese Menschen als materieloses Bewusstsein, haben aber immer noch ein starkes Ich-Gefühl, sehen oft auch eine sehr persönliche Lebensrückschau.

 

Ist dieser Bewusstseinszustand evtl. eine Vorstufe zu dem allumfassenden einem Bewusstsein, welches in Ihrem Buch dargestellt wird?  Ist dieser Zustand nach dem Nah-Tod einfach nur ein zeitlich begrenzter Bewusstseinsgrad, der dann nach dem wirklichem Ableben in das allumfassende Bewusstsein eingeht? Es gibt ja auch Menschen, die ohne körperliche Not mit ihrem Bewusstsein aus dem Körper treten können und in diesen Momenten immer eine starke Ich-Bindung haben. Wie ist Ihre Meinung dazu ?


Pf: Nochmals herzlichen Dank für Ihre Mail und Ihre Fragen zu Nahtoderlebnissen. Antworten darauf sind naturgemäß nicht einfach. Ich scheue mich auch Urteile und Aussagen zu treffen, die ich nicht aus eigener Erfahrung überprüfen kann. Allerdings sehe ich Parallelen zu den Bewusstseinszuständen „Wachzustand“, „Traumzustand“ und „Tiefschlaf“, die wir alle kennen und von wo aus möglicherweise Tendenzen abgeleitet werden können. Wenn ich von „Bewusstseinszuständen“ spreche, dann meine ich damit nicht den Grundzustand des Bewusstseins selbst. Bewusstsein in seiner reinen Form ist für mich die nicht-objekthafte Erfahrung „wissentlich da zu sein“ bzw. „zu wissen, dass ich bin“ ohne weitere inhaltliche, phänomenale Erfahrung. Bewusstsein in diesem Sinne ist immer was es ist. Es ändert sich nicht und durchläuft daher auch keine Stufen oder Zustände. Zustände entstehen erst, wenn Bewusstsein vergleichbar mit einer leeren Leinwand Formen annimmt und sich selbst als diese Formen bezeugt.    

 

Den Übergang vom Wachzustand zum Tiefschlaf würde ich grob zusammengefasst folgendermaßen beschreiben: Im Wachzustand fokussiert sich Bewusstsein am stärksten. Es projiziert eine intersubjektive Realität, die über die Naturgesetze in Raum und Zeit verknüpft ist und betrachtet diese aus der Perspektive eines individuellen Körper-Geistes (z.B. einer Person). Beim Übergang in den Traumzustand weitet sich der Fokus, die Naturgesetzlichkeiten lösen sich zum Teil auf. Raum und Zeit existieren zwar noch, verlieren aber ihren absoluten Bezug. Die individuelle Perspektive der Person und die Identifikation mit ihr bleibt häufig erhalten, kann aber auch wegfallen. Im Tiefschlaf verschwinden die inhaltlichen, phänomenalen Formen und die damit einhergehenden raumzeitlichen Verknüpfungen weitgehend. Zurück bleibt der Grundzustand des Bewusstseins, das raum- und zeitlose Wissen „ich bin“ ohne inhaltliche Erfahrung. Der Übergang zum Wachzustand erfolgt dann durch erneute Fokussierung in umgekehrter Reihenfolge, wobei die Verbindung mit der individuellen Person ganz offensichtlich immer erhalten bleibt.   

 

Es ist nun meiner Ansicht nach plausibel, dass im Falle des Übergangs vom Leben in den „Todzustand“ etwas ganz Ähnliches geschieht. Nichts spricht dagegen, dass auch hier ein Zwischenstadium durchlaufen wird, welches Bewusstseinselemente des Wachzustandes (Raum, Zeit, Identifikation mit der speziellen Person) mit denen einer universelleren Ebene (Erfahrung des „Einsseins“, uneingeschränkte Liebe, vollständige Akzeptanz, Frieden etc.) verbindet. Dies würde auch erklären, weshalb die berichteten Nahtoderlebnisse zwar individuelle Elemente (Sicht des eigenen Körpers, Begegnung mit bekannten Personen) aber auch die immer gleichen stereotypen universellen Grunderfahrungen (Einssein etc.) beinhalten. Da Bewusstsein nicht nur eine individuelle Sicht projiziert, sondern auf einer höheren Ebene alle möglichen Perspektiven gleichzeitig, könnte bei der Rückkehr in den Grundzustand diese multiple Sicht berührt werden. Dies würde die ganzheitlichen Grunderfahrungen erklären.

 

Insofern wäre, wie Sie schreiben, das Erleben eines Nahtodzustandes tatsächlich das Erleben einer Vorstufe des allumfassenden Bewusstseins. Die Frage nach der zeitlichen Begrenzung ist allerdings schwierig zu beantworten.  Ähnlich wie beim Traum, der in kürzester physikalischer Zeit abläuft, wird man diesem Zwischenstadium kaum einen bestimmten Zeitraum zusprechen können. Zeit entsteht, meiner Ansicht nach, erst durch die Fokussierung des Bewusstseins in Verbindung mit vergleichendem Denken im Wachzustand. Die strukturierten, phänomenalen Erinnerungen an die Nahtoderlebnisse sprechen allerdings dafür, dass in diesem Zwischenstadium noch ein rudimentäres Zeitgefühl vorhanden ist. 

 

Mir erscheint es wichtig nochmals darauf hinzuweisen, dass niemand wirklich in ein allumfassendes Bewusstsein eingeht, auch wenn die Formulierung griffig ist. Wir sind in jedem Moment schon dieses allumfassende Bewusstsein, dass sich mitunter in seinen eigenen Projektionen und Identifikationen verliert. Das „Eingehen“ bedeutet daher vielmehr ein Auflösen der eigenen Verschleierungen und damit die Rückkehr zu dem, was „wir“ Bewusstsein immer schon sind. Metaphorisch gesprochen: der Film hört auf aber die Leinwand bleibt. Ich habe die Erfahrung gemacht (und Sie vielleicht auch), dass sich die Momente, in denen wir uns selbst als Bewusstsein bewusst werden und sich die phänomenalen, objekthaften Erfahrungen abschwächen (z.B. in der Meditation), friedlich und glücklich anfühlen. Insofern könnte das allumfassende Bewusstsein, das im „Todzustand“ übrigbleibt, auch als „reiner Friede“ oder „reines Glück“ bezeichnet werden. Diese Aussichten sind doch mehr als beruhigend, oder? 😊

 

In philosophischer Hinsicht möchte ich Ihnen die Bücher (und Videos) von Bernardo Kastrup ans Herz legen. Vielleicht kennen Sie ihn ja schon. Beiliegend übersende ich Ihnen einen kurzen Ausschnitt aus seinem Buch „Brief peeks beyond“, in dem er sich auch mit Nahtoderfahrungen auseinandersetzt. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht die Kritik an der typisch materialistischen Auffassung, die die Nahtoderlebnisse als Produkt eines funktionsgestörten Gehirnes ansieht. Schließlich kann man berechtigterweise fragen, wie ein nahezu funktionsloses Gehirn in der Lage sein soll, hoch differenzierte Nahtoderlebnisse zu produzieren.  

 

Hoffentlich können Sie mit meinen Zeilen etwas anfangen. Es ist immer recht schwierig, Fragen zum Bewusstsein in Worte zu fassen. Das liegt an der Natur des Bewusstseins…


Frage: Nochmals vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort zu meiner Frage. Und ja, sie hat mir weitergeholfen.

Aber auch das Buch „Grenzenloses Bewusstsein“ (van Lommel) bestärken mich, dass das Bewusstsein sich nicht im Gehirn befinden kann. Im Moment stelle ich es mir so vor:

Alles was wir sehen, fühlen, denken usw., sowie jedes Ding ist ein Schauspiel. Das eine Bewusstsein spielt selbst dabei alle erdenklichen Formen, z.B. spielt es mich als Christoph, und es spielt auch die Bank, auf der ich gerade sitze. Ich vergleiche dieses eine Bewusstsein mit unendlich vielen Lichtpunkten, die überall und Alles sind. Diese Lichtpunkte formen sich zu einer Scheinwelt. Auch ich bin aus Lichtpunkten, momentan zu Christoph und seiner Bank geformt, vom Bewusstsein kreiert. Aber ich bin nicht die Form, sondern ich bin das Bewusstsein (die Lichtpunkte), welches gerade diese Formen spielt. Natürlich wieder nur ein Vergleich, der Haken hat.

Die Vordergründigkeit der Formen kann wegfallen, ich erkenne mich selbst und die Welt als reines Bewusstsein (auch in der Nahtoderfahrung, bzw. Ausserkörperlichkeit). 

Weiter gedacht heißt das aber: Mich gibt es gar nicht, es gibt überhaupt nichts. Es gibt nur das eine Bewusstsein, die Lichtpunkte, die ein riesiges Schauspiel veranstalten. 


Pf: Ja, das Bild gefällt mir gut. Das ist sehr schön ausgedrückt. Allerdings ist dieses „Nichts“ sehr real, nicht wahr? Etwas ist nicht deswegen weniger real, weil es nur aus Bewusstsein und nicht aus Materie besteht. Das ist wie bei einer Fata Morgana. Sie ist sehr real, sie wird nur falsch interpretiert. Es gibt kein Wasser am Horizont, da ist nur eine Spiegelung. Heißt: es gibt keine Materie, es sieht nur so aus.


Frage: Aber wozu?


Pf: Die Frage „wozu?“ verweist auf einen Grund und Gründe gibt es nur auf relativer Ebene. Auf etwas Ganzes, Absolutes bezogen läuft die Frage ins Leere. Das „Ganze“ trägt alle Gründe in sich selbst. Es gibt ja nichts Anderes, was als „Grund“ herhalten könnte.


Frage: Was mich irritiert ist, das dann alles keine Bedeutung, keinen Sinn hat.


Pf: Hmm, ich würde das weniger negativ sehen. Ich glaube, da spielt uns unser Verstand einen Streich. Wenn wir „sinnlos“ denken, dann sehen wir das im Kontrast zu etwas Anderem, das „sinnvoll“ erscheint. Wenn es aber nur „sinnlos“ gibt, dann macht diese Bewertung doch „keinen Sinn“ mehr, oder? Genauso gut könnten wir sagen: Alles ist sinnvoll! Oder wir registrieren, dass Bewertungen wie sinnvoll oder sinnlos bezogen auf etwas Absolutes ungeeignet sind.  


Frage: Nur damit sich das Bewusstsein selbst sehen kann?


Pf: Das "Nur" würde ich weglassen.


Frage: Oder könnte es sein, dass das Bewusstsein Viele und Alles ist, um durch diese momentanen Verwandlungen Erfahrungen und Informationen zu sammeln? Ulrich Warnke schreibt über den Physiker Charon: „Er (Charon) kommt zu dem Schluss, dass die Elektronen uns Menschen und alle anderen Organismen als Vehikel zur Erfahrungssammlung konstruiert und aufgebaut haben.“

Würde man die benannten „Elektronen“ durch „Bewusstsein“ ersetzten, läge wieder ein Sinn dahinter.


Pf: Ja, stimmt, da wäre dann eine Richtung, ein Ziel. Vielleicht könnte man es auch so sagen: Bewusstsein ist auf dem Weg zur Selbsterfahrung, vom unreflektierten „Ich bin“ eines Tieres oder Säuglings zum Wissen des Bewusstseins über sich selbst als Quelle und Zeuge seiner eigenen Realität. Dazwischen liegt der menschliche Entwicklungsstand, der bereits zwischen Subjekt und Objekt unterscheidet, aber deren Zusammenhang noch nicht versteht. Das klingt für mich plausibel. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. 


Frage: Ein Erfahrungs - und Informationsaustausch - vom Selbst zum Selbst? Manchmal ist es ganz schön wirr in meinem Kopf!


Pf: Der Verstand versteht es nie. Das Absolute ist für ihn nicht fassbar, er kann sich immer nur im Relativen austoben.