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Lehre vom Leeren versus Advaita - eine Stellungnahme

Neben den klassischen nondualen Lehren, z.B. des Advaita Vedanta, etablieren sich zunehmend Strömungen, die eine noch rigorosere „ichlose“ Haltung zur Schau stellen. Eine einheitliche Bezeichnung für diese Lehren gibt es meines Wissens noch nicht. Manchmal wird die Haltung als Neo-Advaita bezeichnet. Man könnte sie auch „Radikale Ichlosigkeit“ oder „Nichts-Yoga“ nennen. In Ermangelung an Begriffen benutze ich im Folgenden die Abkürzung LVL (Lehre vom Leeren). Als Beispiel für eine solche Haltung sei auf eine ausführliche Rezension meines Buches „Die Entdeckung der Ichlosigkeit“ auf Amazon verwiesen.

Dem Rezensenten sei Dank für seine ausführliche Kritik und der Anregung für diese Stellungnahme.

 

Der LVL und der klassischen Advaita-Lehre sind gemein, dass sie ein gegenständliches, individuelles Ich für eine Illusion halten. Das persönliche „Ich“ ist demnach nur eine gedankliche Konstruktion, die keine reale Existenz besitzt. Es gibt keine separate Entität, die dieses „Ich“ sein könnte. Die „Ichlosigkeit“ im Advaita besagt in erster Linie, dass keine individuelle Person, die unabhängig und frei handeln könnte, existiert. LVL geht allerdings noch weiter. Während Advaita im universellen, transpersonalen Bewusstsein (das Selbst, Brahman, Quelle, Wesen, Träumer etc.) eine letzte identitätsstiftende Wahrheit sieht, leugnet LVL jegliche Identität bzw. Identitätsebene, auf die sich das angeschossene individuelle „Ich“ in seinem Todeskampf berufen könnte. Aussagen wie „das wahre Selbst“, „das Absolute“ oder „der Wesenskern“ werden daher von dem Rezensenten komödiantenhaft (Kerkeling lässt grüßen) mit „Hurz“ bezeichnet. Die unterschiedliche Haltungen begründen sich in der Interpretation von dem, was üblicherweise als „Bewusstsein“ bezeichnet wird. Das möchte ich im Folgenden verdeutlichen.   

 

Betrachtet man die eigene unmittelbare Erfahrung, dann spricht zunächst einiges für die LVL. Auch wenn der denkende Verstand etwas Anderes behauptet, so nehmen wir die Welt stets in einer rigorosen nicht-dualen Weise wahr. Berühren wir z.B. eine Oberfläche, so teilt sich die Erfahrung der Oberfläche nicht in zwei räumlich getrennte Teilerfahrungen auf, die jeweils zum einen das berührte Objekt und zum anderen das berührende Subjekt betreffen. Tatsächlich erfahren wir nur „Spüren“ (Druck, Wärme etc.) als einen einzigen ganzheitlichen Eindruck, der sich nicht in Subjekt und Objekt aufteilen lässt. In gleicher Weise lässt sich auch ein Geräusch nicht in ein Gehörtes und ein Hörendes aufteilen, sondern es existiert nur „Hören“. Entsprechendes gilt für alle anderen Sinnesmodalitäten. Es gibt nur „Sehen“, es gibt nur „Riechen“, es gibt nur „Schmecken“, aber nirgendwo erscheint dabei ein separates Subjekt der Wahrnehmung genauso wenig wie ein Objekt, welches wahrgenommen wird. Der vertraute aber fälschliche Eindruck einer räumlichen Trennung in Subjekt und Objekt erfolgt durch eine nachträgliche gedankliche Bewertung und ist nicht Teil der wahrgenommenen Realität.

 

So weit so gut. Nun ist allerdings nicht zu leugnen, dass der ganzheitliche Eindruck bei jeder Erfahrung dennoch zwei zusammenfallende Aspekte besitzt, die zunächst eine subtile Dualität andeuten: einen objekthaften Aspekt (Farbe, Wärme, Lautstärke, Tonhöhe etc.) und einen subjektiven Aspekt, der das gegenwärtige „Wissen“ um das Dasein der jeweiligen Form beinhaltet. Um diesen subtilen Dualismus aufzulösen, gibt es drei Möglichkeiten:

 

1. Man ignoriert den bezeugenden Aspekt im Wahrnehmungsvorgang und lässt alleine die objekthafte Seite gelten. In diesem Zusammenhang hört man ab und zu Aussagen wie: „Es gibt keinen Sehenden, der Baum sieht sich selbst“. Im Grunde ist diese Haltung mit einem extremen Materialismus vergleichbar, der das Problem des Bewusstseins dadurch zu lösen versucht, dass er es leugnet. Diese Haltung erscheint mir zu ignorant, als dass ich sie weiter diskutieren möchte. Ohne einen bezeugenden Aspekt, würde sich alles im „Dunkeln“ abspielen und wir könnten jetzt nicht darüber sprechen. 

 

2. Man akzeptiert zähneknirschend, dass manchmal am Objekthaften ein bezeugendes Moment anhaftet, dass aber metaphysisch keinerlei weitere Bedeutung hat, als eben zu Bezeugen. Demnach gibt es ohne ein zu bezeugendes Objekt auch kein Bezeugen. Dies scheint mir, kurzgefasst, in etwa die Haltung der LVL zu sein. 

 

3. Man gibt zu, dass jegliche objekthafte Erscheinung ohne deren Erfahrung keinen Sinn macht. Oder anders ausgedrückt: Das Spüren, das Hören, das Sehen etc. ist immer das „Wissen“ um das Gespürte, Gehörte, Gesehene etc.. Das Wissen um ein Objekt ist das Objekt! Diese Erkenntnis führt zu einer Haltung, die im Advaita bzw. im monistischen Idealismus den Vorrang des Bewusstseins über der gewussten Welt begründet. Untersucht man die eigene Bewusstheit, dann zeigt sich deutlich, dass die Erfahrung der gegenwärtigen bewussten Anwesenheit nicht an ein bestimmtes Objekt gekoppelt ist. Die Objekte sind austauschbar, die nicht-objekthafte Erfahrung der bezeugenden Anwesenheit bleibt. Andere Eigenschaften des Bewusstseins stützen diese Auffassung: So weiß „Bewusstsein“ zum Beispiel stets um sich selbst. Es weiß, dass es weiß. Und es weiß, dass es weiß, dass es weiß etc.. Ohne dieses Wissen um sich selbst wäre jede Erfahrung (z.B. ein Schmerz) widersprüchlich und unsinnig. Dabei handelt es sich bei der Selbstreflexivität des Bewusstseins eben gerade nicht um einen unendlichen Regress, nicht um eine Schildkröte auf der Kröte auf der Kröte (siehe o.g. Rezension), sondern um einen ureigenen Wesenszug des Bewusstseins. Bewusstsein ist nicht hintergehbar. Es steht sich selbst NICHT in einer Subjekt-Objekt-Relation gegenüber. Bewusstsein IST wissendes Sein. Das ist seine Natur. Dieses Wissen um sich selbst (in der Advaita-Tradition zugegebenermaßen abgetroschen als das Wissen „Ich bin“ bezeichnet), weiß um die objekthaften Formen indem es selbst die Formen annimmt und sich selbst als diese Formen erlebt. Der objekthafte Aspekt wie auch der subjekthafte Aspekt der Wahrnehmung sind beide von der Substanz her „Wissen“ (technisch "Information"). Alles ist Bewusstsein!   

 

Unter Berücksichtigung der von jedem Menschen überprüfbaren Tatsachen, erscheint es mir mehr als plausibel, dass die alte Advaita-Lehre (3.) im Kern Recht hat. Und selbst wenn man die rigorose Position (1.) einnimmt, dann kommt man nicht umhin, der materialistischen Realität einen Absolutheitsanspruch zuzuerkennen. Selbst wenn die Welt nur aus Elementarteilchen besteht und sich ggf. in unendlich vielen Paralleluniversen abspielt, dann stellt sie doch eine wie auch immer geartete und möglicherweise unendlich ausgedehnte Gesamtheit (eine Absolutheit) dar. Wäre das nicht der Fall, so könnte man stets nach einer Metarealität fragen, aus deren Sicht unsere Welt als Teilaspekt erscheint (die Schildkröte lässt grüßen). Egal wie es sich verhält, am Ende müssen wir uns damit abfinden, dass es ein „Absolutes“, ein „Ganzes“ geben muss, auch wenn uns diese Begriffe vielleicht zu beladen, zu religiös erscheinen.  

 

Auch die Neurowissenschaften gehen davon aus, dass unsere Welt lediglich ein Repräsentationsmodell (eine Simulation) im Bewusstsein darstellt. Auch das technische Gehirn-Bewusstsein ist somit gleichzeitig Quelle als auch Zeuge jeglicher Erscheinung. Es nimmt im Wahrnehmungsprozess Formen an, die es gleichzeitig detektiert.  Dissens (zwischen Neurowissenschaften und Advaita) besteht lediglich in der Frage, ob die virtuelle Realität des Bewusstseins ein entsprechendes Ebenbild in einer niemals(!) überprüfbaren Außenwelt besitzt oder nicht.

 

Auf der anderen Seite darf man den Absolutheitsanspruch der Realität bzw. des Bewusstseins nicht vorschnell als personifiziertes Über-Ich (Gott etc.) in Anspruch nehmen. Hier teile ich die skeptische Haltung der LVL. Es ist gerade die nicht-objekthafte und überpersönliche Natur des Bewusstseins, die jegliche Personifizierung verbietet. Eine Personifizierung (und damit Vergegenständlichung) des Bewusstseins führt zu esoterischen bzw. egomanischen Vereinnahmungen, von denen erfahrungsgemäß wenig Gutes ausgeht. 

 

Allerdings darf auch nicht geleugnet werden, dass die bloße Erkenntnis der eigenen Substanz als überpersönliches Bewusstsein Trost und Heilung verspricht. Schließlich fürchten die Menschen in erster Linie nicht den Verlust des eigenen individuellen Ich (geschenkt…), sondern die Auslöschung des Bewusstseins, das Verschwinden im metaphysischen Nichts des Nicht-mehr-Seins. Es spricht keine Erfahrung dafür, dass diese Angst berechtigt ist. Niemals wurde je ein solcher Zustand der Auslöschung erlebt. „Erleben“ ist immer an bewusstes Sein gebunden. Das vermeintliches Gegenteil, ob das nun die Abwesenheit von Allem oder Gar-Nicht-Sein ist (siehe o.g. Rezension), bleibt ein gedankliches Konzept ohne empirischen Wert.

 

Vielleicht sollte man an dieser Stelle den Begriff „Leere“ nochmal kurz aufgreifen. Auch im Advaita wird ab und zu dieser Begriff verwendet, um die „Leerheit“ des Bewusstseins zu charakterisieren. Leerheit bedeutet in diesem Sinne die Abwesenheit von jeglicher formbehafteten, begrifflich fassbaren Inhalten (z.B. Gedanken, Empfindungen, Sinneseindrücken etc.), vergleichbar mit der weißen Leinwand im Kino. Die Existenz dieser Leerheit ist jedoch durch die Frage „Bin ich bewusst?“ von jedem Menschen jederzeit als nicht-objekthafte Grundwahrheit überprüfbar. Dagegen versteht LVL unter „Leerheit“ vermutlich das absolute metaphysische Verschwinden oder Nicht-Sein jeglicher subjektiver Anteilnahme. Diese Leerheit wird nicht auf einen postmortalen Zustand projiziert, sondern wird als Basis der schon jetzt gegenwärtigen Welt angesehen. Dies steht nach meiner Auffassung im Widerspruch zu aller Erfahrung.  

 

Insgesamt möchte ich nochmals betonen, dass ich für die rigorose Leugnung jeglicher Identität im LVL Verständnis habe. Das gegenständliche, individuelle Ich ist nun mal der Bösewicht, der für die narzisstische Zerstörung unseren Planeten und für sehr viel Leid verantwortlich ist. Aber es fehlt nicht an „noch mehr Trennung“ durch die Verweigerung eines allumfassenden „Selbst“, sondern an der Anerkennung unserer gemeinsamen Identität über alle Begrenzungen hinaus.   

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