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Mit leidvollen Gefühlen umgehen

Der erste Entwurf des Buches „Ich – wer ist das? – Eine Expedition zum Selbst“ sah ein Kapitel zum Thema „Mit leidvollen Gefühlen umgehen“ vor. Die Inhalte wurden in der Endfassung des Buches sinngemäß an anderer Stelle untergebracht, so dass das Kapitel wegfiel. Da der Text für sich genommen aussagekräftig ist, wird er im Folgenden ohne weitere Aufarbeitung präsentiert.


Einführung

Alle Diskussionen über das, was wir tatsächlich sind, über Gegenwärtigkeit und Bewusstsein, über die Substanz der Wirklichkeit, verlieren scheinbar ihre Bedeutung spätestens dann, wenn wir vom Leid geplagt in Zweifeln liegen, wenn wir in tiefer Depression jeglichen Glauben an Sinnhaftigkeit aufgeben. Was hilft die Gegenwärtigkeit unserer bewussten Anwesenheit, wenn wir viel lieber wo anders wären, wen wir am liebsten gar nicht wären? Wohin sollen wir uns wenden, wenn wir überall nur immer uns selbst finden, ein Selbst, das wir viel lieber hinter uns ließen? 

 

Natürlich verwechseln wir in Gedanken auch hier die Zustände unseres Lebens mit unserer wahren Identität als bewusste Wahrnehmung dieser Zustände. Aber wie können wir uns den Unterschied im Schmerz vergegenwärtigen, wie bringen wir die Bewusstheit dazu, uns in unserem Leiden zu helfen? Mit dieser nicht ganz einfachen Frage wollen wir uns in diesem Experiment beschäftigen, wohl wissend, dass es hier niemals eine universelle, eine eindeutige Antwort geben wird. 


Was ist ein Gefühl?

Bevor wir uns leidvollen Gefühlen zuwenden, soll die Struktur von Gefühlen in mehr allgemeiner Form untersucht werden. Konkret soll gezeigt werden, dass ein Gefühl eine Kombination aus einer Körperempfindung (Wärme, Druck, Spannung etc.) und eines begleitenden Gedankens darstellt. 

 

Zur Verdeutlichung dieses Zusammenhangs soll zunächst einmal ein angenehmes Gefühl betrachtet werden. Vergegenwärtigen Sie sich hierzu zum Beispiel ein Gefühl der Zuneigung. Erfahrungsgemäß bereitet das keine großen Schwierigkeiten. Wie äußert sich das Gefühl konkret? Vermutlich werden Sie die Zuneigung zum einen als ein wohliges warmes Körperempfinden insbesondere im vorderen Brustbereich gepaart mit einer gewissen Aufregung spüren. Zum anderen werden diese Empfindungen vermutlich von einer gedanklichen Vorstellung eines geliebten Menschen oder eines attraktiven Objektes, auf den oder das sich die Zuneigung richtet, begleitet. Wenn Sie sich gedanklich von dieser Vorstellung ablenken, z.B. indem Sie die Aufmerksamkeit auf etwas ganz Anderes richten, dann werden sich auch relativ schnell das Wärmempfinden in der Brust und die leichte Aufregung auflösen. 

 

Gedanken können also Körperempfindungen aus- und wieder auflösen. Umgekehrt lassen sich durch bestimmte Körperreize und Haltungen und den damit verbundenen Empfindungen die geistigen Vorgänge beeinflussen. So kann ein kalter Luftzug im Nacken durchaus eine ängstliche Empfindung und damit verbunden entsprechende Befürchtungen verursachen. Wenn Sie andererseits eine dominante Körperhaltung mit gehobenen Kopf und geschwellter Brust einnehmen, dann wird sich das ebenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Ihre Gedankenmuster auswirken. Probieren Sie es aus! Leiten Sie aber bitte hieraus keine Verhaltensempfehlung ab.

 

Die Betrachtungen bestätigen, dass ein Gefühl keine reine Körperempfindung darstellt, sondern immer einen gedanklichen Adressaten, eine Vorstellung oder gar eine kleine Geschichte beinhaltet. Ohne den gedanklichen Aspekt kann sich der Körperaspekt des Gefühls nicht dauerhaft am Leben erhalten. Dies ist besonders wichtig, wenn wir uns im Folgenden den negativen Gefühlen zuwenden. Hierbei soll zunächst der gedankliche und dann der körperliche Aspekt näher untersucht werden. 


Aus Traurigkeit wird Depression

Leidvolle Gefühle gehören zum Leben dazu. Niemand, auch kein Tier, wird von Traurigkeit, Eifersucht oder Frustration verschont. Krankheiten, Schicksalsschläge und Ungerechtigkeiten sind nicht zu verhindern. Aber wie kommt es, dass manche Menschen ihre Traurigkeit oder Frustration weitgehend unbeschadet verkraften, während andere in tiefes Leid oder Depression versinken? Worin besteht der Unterschied zwischen Trauer und Leid oder zwischen Frustration und Depression? 

 

Erinnern Sie sich an eine Situation in Ihrem Leben, die zwar eine Frustration aber keine Depression ausgelöst hat. Dann vergleichen Sie diese Situation mit der Erinnerung an eine Depression (falls Sie eine solche schon erlebt haben, andernfalls versuchen Sie sich an einen anderen depressiven Menschen zu erinnern). Worin besteht der entscheidende Unterschied? Vielleicht können Sie sich noch an die Gedankenmuster erinnern, die die Depression begleitet hat. 

 

Ist es nicht so, dass in der Depression typischerweise Gedanken der Form: „immer geschieht das mir“, „ich habe immer Pech“, „das ist meine eigene Schuld“, „wieder habe ich versagt“ auftauchen? Kann es sein, dass die Frustration dann zur Depression wird, wenn zum ursprünglichen Problem die Ich-Vorstellung vom persönlichen Versagen hinzukommt, wenn der Ich-Anspruch von der eigenen Kontrolle gefährdet ist oder wenn gar eine Ich-Schuld das Selbstwertgefühl angreift? Ist es dann nicht im Grunde die gedankliche Auffassung des Ich als getrenntes Selbst mit seiner Urempfinden „Ich bin nicht gut genug“, welches für das Umschlagen von Trauer in Leid oder von Frustration in Depression verantwortlich ist?

 

Der amerikanische Arzt und Seelsorger Steven Levine beschreibt in einem seiner Bücher die Geschichte einer Frau, die an Ihrem Krebsleiden verzweifelt, weil sie sich selbst dafür verantwortlich hält. Eine andere Frau nimmt sich nach der spontanen Heilung ihres Krebses durch einen Naturheiler das Leben, weil sie die offensichtlich einfache Heilung hatte nicht selbst vollbringen können. Auch wenn diese Fälle zugegebenermaßen Extrembeispiele darstellen, symbolisieren sie doch die typische Ich-bezogene Haltung, die das unbestreitbar vorhandene Leid stark verschärft. 

 

Trauer und Frustration können starke Gefühle sein, die sicher auch im Tierreich anzutreffen sind. Diese Gefühle sind aber nicht zwingend mit einem Leiden verbunden. Leiden entwickelt sich dann, wenn der Begleitgedanke vom getrennten Ich, von der isolierten und einsamen Person hinzukommt. Anders ausgedrückt: es ist immer das getrennte Ich, das leidet.

 

Wie aber soll man nun damit umgehen? Wie können die leidvollen Gedankenmuster beseitigt werden? Wie wir in anderen Experimenten erfahren haben, lassen sich Gedanken nicht beliebig steuern. Die einzige Möglichkeit, die Destruktivität des Ich-Bezuges zu vermindern, besteht daher nicht darin, den vermeintlich Schuldigen, das Ich, zu bekämpfen, sondern sich dessen Wesen als reine gedankliche Vorstellung zu verdeutlichen. Wir müssen also nochmals den Weg der Selbstbetrachtung beschreiten und unsere wahre Natur als der Hinter- und Urgrund der Erfahrung, als das bewusste Sein in allen Vorgängen, vergegenwärtigen. Das getrennte Ich widersetzt sich zwar hartnäckig jedem Zähmungsversuch, aber es verliert im Lichte des Bewusstseins seine Bedeutung und mit ihm verblassen auch die negativen Empfindungen, die sich an seiner psychischen Gestalt nähren. 

 

Der spirituelle Umgang mit Leid besteht daher nicht in dem Versuch, das Leid durch irgendwelche Methoden zu entfernen, sondern beschäftigt sich immer wieder mit der Frage „Wer leidet?“ Was ist das für ein Ich, das dem Leid ausgesetzt ist? So kann das Leid selbst zum Kondensationspunkt für die tiefere Einsicht in die eigene Natur werden. 


Die Endlichkeit des Schmerzes

Wenden wir uns nun dem körperlichen Aspekt des Gefühls zu. Suchen Sie in Ihren Erinnerungen nach einem intensiven Gefühlserlebnis und versuchen Sie es sich zu vergegenwärtigen ohne dass Sie sich hineinsteigern. Das kann ein positives oder negatives Gefühlserlebnis sein. Versuchen Sie eine gewisse Distanz zu bewahren um das mit dem Gefühl verbundene Körperempfinden besser betrachten zu können. 

 

Wo im Körper spielt sich das Gefühlsereignis hauptsächlich ab? Welche Wahrnehmungsformen wie Druck, Wärme, Kälte, Spannungen etc. treten auf? Angst wird zum Beispiel als Kälte in der Nackengegend, Wut eher als Hitze in Bauch und Brust empfunden. Wie dynamisch bzw. wechselhaft verhalten sich die Empfindungen? Werden sie immer stärker oder ist irgendwann eine maximale Gefühlsempfindung erreicht? 

 

Wir haben manchmal den Eindruck von unseren Gefühlen regelrecht überwältigt zu werden. Aber ist das wirklich so? Versuchen Sie sich an ein besonders starkes Gefühlserlebnis zu erinnern und fragen sie sich, ob das damit verbundene Körperempfinden tatsächlich so stark war, dass Sie es nicht mehr aushalten konnten. Sind die Hitze und Anspannung der Wut wirklich so mächtig, dass sie einem stechenden Zahnschmerz oder einer akuten Magenverkrampfung gleichen und nicht mehr erträglich wären? Oder kann man dem dumpfen Druck einer Depression tatsächlich nicht standhalten? Vermutlich werden Sie eingestehen, dass dies nicht der Fall ist.

 

Selbst wenn ein mit dem Leid gekoppelter Schmerz oder eine grässliche Angst übergroß zu werden scheinen und den Körper regelrecht lähmen, dann sind sie doch in ihren Ausmaßen endlicher Art. Können Sie erfassen, dass auch der schlimmste Schmerz, die größte Angst begrenzt sind? Verhalten sich Schmerz und Angst nicht wie ein wilder oder eisiger Drache, der so mächtig er auch erscheinen mag, einen Schwanz hat und eine Nasenspitze? Fragen Sie sich, wodurch der Schmerz oder die Angst begrenzt werden. Der Drache scheint in einem Käfig eingesperrt zu sein, aus dem er nicht auszubrechen vermag. Denn je größer der Drache auch wird, desto weiter erstreckt sich der Käfig. Aber was ist das für ein Käfig?

 

Sind also Sie in dem Drachen oder ist der Drache in Ihnen? Natürlich ist der Drache in Ihnen, sonst könnten Sie ihn nicht erfassen. Denn wenn nicht Sie, wer sonst spürt seinen Panzer? In wem, wenn nicht in Ihnen, wölbt sich sein Rückgrat? Das bedeutet, dass Sie selbst den Drachen begrenzen. Der Drache lebt schließlich in Ihrem Bewusstseinsfeld. Sie selbst blicken auf sein Haupt. Egal wie groß er wächst, Sie sind immer größer! Gerade die Intensität, die Wucht der Empfindung verdeutlichen deren Beschränktheit. Versuchen Sie diese Beschränktheit zu erfassen, indem Sie sich für die Empfindung interessieren. Nutzen Sie die Empfindung als Ihr persönliches Forschungsfeld!

 

Unangenehme Empfindungen lösen immer einen Widerstand, einen Vermeidungsreflex aus. Wir wenden uns von dem Gefühl ab und suchen nach Zerstreuung in unzähligen Aktivitäten. Wir kehren dem Drachen den Rücken zu, wodurch wir ihn aus dem Auge verlieren und er sein diffuses Eigenleben führen kann. Wenn wir aber dem Vermeidungsreflex widerstehen und uns den Drachen genauer ansehen, dann werden wir feststellen, dass es sich hierbei um einen Scheinriesen handelt. Ein Scheinriese ist eine Gestalt aus Michael Endes „Jim Knopf“, die mit zunehmender Entfernung immer größer und mächtiger wird, während sie bei Annäherung zu einer kleinen Figur schrumpft. Ähnlich verhält sich auch die negative Empfindung, die in uns vagabundiert. Bei näherer Betrachtung reduziert sie sich auf eine überschaubare Komposition aus Drücken, Wärmeempfindungen und Spannungen, die zwar nicht angenehm aber sicher nicht unerträglich ist. Kann es vielleicht möglich sein damit zu leben? 

 

Mehr noch, wenn Sie in das Gefühl eintauchen, seine Tiefe erforschen, dann finden Sie an seinem Grund unerwartet eine angenehme Ruhe. Denn jedes Gefühl, so widrig es auch zunächst erscheint, schwebt in einem friedvollen Polster aus reiner Erfahrung, in einer unendlichen Wolke aus bewusstem Wissen. 


Schlussfolgerung

Ein Gefühl stellt eine Kombination aus Körperempfindungen und Gedanken dar. Bei leidvollen Gefühlen drehen sich die Gedanken in der Regel um die Not des getrennten Ich. Leiden ist daher stark Ich-bezogen. Durch die Erforschung der eigenen wahren Natur als gegenwärtiges Bewusstsein, schiebt sich die Vorstellung vom getrennten Ich in den Hintergrund und die damit verbundenen negativen Gefühle können sich langsam auflösen. 

 

Die mit dem Gefühl verbundenen Körperempfindungen erweisen sich bei genauer Betrachtung als begrenzte Objekte der bewussten Betrachtung, die trotz aller Wucht niemals den Bewusstseinsraum bzw. das bewusste Ich überwältigen können. Wird dem Vermeidungsreflex widerstanden und die Empfindungen genauer untersucht, dann stellt sich heraus, dass diese meist von überschaubarem Ausmaß sind. Am Grund eines jeden Gefühls offenbart sich der Hintergrund seiner Erfahrung als eine friedvolle Ruhe.


Reflexion

Die Idee vom getrennten Ich ist immer sehr stark mit der Idee verbunden, dass dieses Ich das Leben kontrollieren kann. Das Ich beansprucht die Herrschaft über das eigene Leben. Bei Misserfolg kommt zum eigentlichen Unglück auch noch das Gefühl vom persönlichen Versagen hinzu. Dieses Gefühl wiegt oft schlimmer als das ursprüngliche Unheil. Das Problem besteht daher weniger in der ursprünglichen schlechten Erfahrung, sondern vielmehr im eigenen Ich-Anspruch. Das Leid vergrößert sich, wenn man sich noch dafür verantwortlich hält. 

 

Der Ich-Gedanke macht aus unvermeidbaren Gefühlen wie Eifersucht, Trauer und Zorn erst die ganz großen Tragödien. Gedanken wie „Diese Eifersucht überlebe ich nicht“, „Ich darf nicht neidisch sein“ oder „Wie konnte mir das passieren?“ halten ein Karussell aus negativen Empfindungen und dadurch neu hervorgerufene Problemgedanken am Laufen. Die Negativität verstärkt sich also in gewissem Maße selbst. Hinzu kommen oftmals diffuse Schuldgefühle, die sich aus einer falschen Vorstellung von Ich-Kontrolle und Verantwortung nähren. 

 

In der Ratgeberliteratur wird immer wieder empfohlen, dass es in Notsituationen wichtig sei, die Kontrolle über das eigene Leiden wiederzugewinnen, das Gefühl der Machtlosigkeit los zu werden. Wird dieser Ratschlag richtig gedeutet, dann mündet er in der Zuwendung zum eigenen Leid, in der aufmerksamen Betrachtung der Körperempfindungen und deutet die Kontrolle als die Erkenntnis, dass das Leid das eigene Wesen nicht in Besitz nehmen kann. Meist wird die Aussage aber als Bekräftigung der Ich-Fähigkeit verstanden, das eigene Leid aktiv beherrschen zu können. Dieses Verständnis führt in der Konsequenz zu einer Förderung der Vorstellung vom getrennten Ich und damit zu einer Verstärkung des ursprünglichen Problems.