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Bewusstsein als Hirnfunktion?

Sehr geehrter Herr Pfrommer,

  

ich lese derzeit - wieder einmal - Ihr Buch zur Entdeckung der Ichlosigkeit.

Bzgl. des Bewusstseins plagt mich eine Verständnisfrage, die auch von allen anderen Büchern über Nondualität unbeantwortet bleibt.

 

Ich frage, warum Bewusstsein nicht doch eine Hirnfunktion sein kann. Es wird stets vom universellen Bewusstsein gesprochen, weil ein persönliches Bewusstsein ja limitiert wäre. Das verstehe ich nicht. Angenommen Bewusstsein wird vom Gehirn „bereitgestellt“ - dann sind alle Sinneseindrücke und Gedanken dieser Hirnfunktion voll zugänglich. Von einer Begrenzung kann keine Rede sein.

Natürlich wäre mir die Sichtweise eines universellen Bewusstseins angenehmer - aber ich kann dieses Modell nicht vom Sockel stürzen…..

 

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir hierzu Ihre Sicht mitteilen könnten. Falls Sie für diese Art von direkten Nachfragen keine Sympathie haben würde ich das verstehen - schließlich überfalle ich Sie hiermit regelrecht…Ansonsten vorab vielen Dank für Ihre Zeit !

 

Viele Grüße 


Lieber ....,

 

vielen Dank für Ihre sehr berechtigte Frage, die mich auch schon oft bewegt hat. Schließlich geht auch die moderne Gehirnforschung davon aus, dass das Gehirn eine Art virtuelle Realität erzeugt, deren Welt – und Selbstmodell beide aus Bewusstsein bestehen. Insofern würde auch ein individueller Beobachter in Form einer Gehirnfunktion einer ganzheitlichen universellen Realität aus Bewusstsein gegenüberstehen. Wenn man das Bewusstsein nur als „inhaltliches“ Gefäß von Wahrnehmungsformen (Farben, Geräusche etc.) ansieht, dann erscheint diese Erklärung sehr plausibel. In dem Moment aber, wo man die bezeugende Eigenschaft des Bewusstseins (Bewusstsein ist auch immer das gegenwärtige „Wissen“ um diese Formen) in Betracht zieht, dann kommen Zweifel auf. Ein paar Anmerkungen dazu in aller Kürze:

   

1. In einem erweiterten Sinne geht es bei Ihrem Anliegen um die Frage, ob Bewusstsein eine Folge von „Materie“ (in Form des Gehirns) oder Materie eine Folge von Bewusstsein (in Form einer Anschauung) ist. Unsere Kultur favorisiert derzeit die erste Ansicht, obwohl es dafür keinen Beweis gibt. Schließlich geht jeder Wahrnehmung von Materie ein Bewusstseinsakt voraus. Unsere Auffassung von Materie besteht aus Farben, Klängen, Tasterlebnissen etc., die alle Modalitäten des Bewusstseins darstellen (was ja auch die Gehirnforschung so sieht). Materie an sich, ohne Akt der Wahrnehmung, wurde noch nie und kann wohl auch nie festgestellt werden. Auf jeden Fall steht in unserer eigenen direkten Anschauung Bewusstsein immer vor jeder inhaltlichen Erfahrung. Und unsere direkte Erfahrung ist die einzige Wahrheit, die nicht geleugnet werden kann. Ein Beweis für die Nichtexistenz von Materie ist das natürliche nicht.

 

2.  Die Vorstellung einer materiellen Gehirnfunktion, die als Beobachter im Gehirn wirkt und die für uns die Welt wahrnimmt (sieht, hört, fühlt etc.) führt zu einem unlogischen unendlichen Regress von ineinander gebauten Beobachtern. Denn jeder Beobachter bräuchte ja seinerseits wiederum in sich einen Beobachter, der das gesehene Bild erfasst. Das bewusste Erleben ist aber nicht hintergehbar (Bewusstsein weiß naturgemäß immer um sich selbst). Entsprechend gibt es im Gehirn nachweislich kein „Zentrum“ des Erlebens. Bezeugendes Bewusstsein lässt sich naturwissenschaftlich (bio-physikalisch) bzw. materiell also nicht erklären.

 

3. Alles was wir erleben, Gegenstände, Gefühle und Gedanken, sind „Inhalte“ des Bewusstseins. Alle diese Inhalte sind beschreibbar, also objektivierbar. Dagegen ist das Bewusstsein als reines Bezeugen dieser Inhalte selbst nicht als Objekt auffindbar, objektivierbar und damit benennbar. Hätte es objektartige Eigenschaften, so könnte man wieder nach dem bezeugenden Bewusstsein dieser Eigenschaften fragen. Das „reine“ Erleben bzw. Bewusstsein besitzt also keinen inhaltlichen Aspekt, es kann daher auch nicht durch individuelle Ich-Merkmalen begrenzt sein. Das bedeutet, dass sich das bezeugende Bewusstsein grundsätzlich nicht unterscheiden kann. Könnte man individuelle Unterschiede finden, so wären diese objektivierbar und damit keine Eigenschaft des Bewusstseins. Wir sind daher sozusagen alle dasselbe Sehen in die Welt.

Um bei der Gehirnfunktion zu bleiben: es wäre sogar vorstellbar, dass verschiedene (alle) Gehirne ein und dasselbe bezeugende Bewusstsein hervorbringen. Auf diese Weise könnte man auch unter dem Paradigma des Materealismus ein universelles Bewusstsein erklären, das dann allerdings einen merkwürdigen Dualismus voraussetzt (der für mich nicht sehr wahrscheinlich ist).

 

4. Noch eine Überlegung, die aber mehr die Intuition als den Verstand anspricht: Können Sie eine Grenze ihres Bewusstseins wahrnehmen? Hört Ihr Bewusstsein irgendwo auf und geht in etwas anderes über, was nicht bewusst ist? Überlegen Sie: Wenn es irgendwo eine Grenze gäbe, dann müssten Sie diese Grenze wahrnehmen können. Aber alles, was Sie wahrnehmen können, ist ein inhaltlicher Aspekt des Erlebens, den Sie mit Ihrem Bewusstsein bezeugen. Das Bewusstsein bildet also immer die größtmögliche Hülle und dehnt sich zuverlässig über alles hinaus aus, was wahrgenommen werden kann. So wie niemals eine Begrenzung des dreidimensionalen Raumes gefunden werden kann, lässt sich auch niemals eine Grenze für das Bewusstsein entdecken. Ist Bewusstsein aber endlos, dann kann man das Bewusstsein nicht auf eine individuelle Projektionsfläche einschränken und einem Individuum als Besitz zuschreiben. Oder lässt sich der erlebte dreidimensionale Raum unserer Welt auf die einzelnen Wesen, die darin leben, aufteilen? Leben wir nicht alle im selben dreidimensionalen Raum? Muss es dann nicht auch derselbe Bewusstseinsraum sein, der diesen dreidimensionalen Raum jeweils bezeugt? Ist es daher nicht folgerichtig, dass alles bewusste Erleben, die Existenz an sich bzw. das Sein, als nicht-individuell angenommen werden? Sein ist Sein. Bewusstsein ist Bewusstsein. Existenz ist Existenz. Das „was“ und „wie“ ist einzigartig und persönlich, die Tatsache des gegenwärtigen Daseins nicht.

 

Lieber ..., möglicherweise überzeugen Sie die Argumente für ein universelles Bewusstsein nicht vollständig. Ich kann Ihre Zweifel verstehen. Eine endgültige Wahrheit kann es hier nicht geben. Aber selbst wenn unsere tägliche Realität, die zweifellos aus Bewusstsein besteht, von einer Art Materie gespeist wird, die für uns nicht zugänglich und vorstellbar ist, dann ist es doch eine philosophische Frage, wie wir diese fremde „Materie“ am Ende definieren bzw. benennen. Worin besteht der Unterschied, ob wir das eine, aus dem alles hervorgeht, nun „Materie“ oder ebenfalls „Bewusstsein“ nennen? Und noch eine Anmerkung zur Materie: Unser Bild von Materie verflüchtigt sich sehr schnell, wenn man genauer hinschaut. Aus Elementarteilchen werden Quarks werden Quantenfelder wird leerer Raum, der ohne Materie selbst an Kontur verliert. Am Ende besteht alles was es gibt lediglich aus „Wissen“ von etwas, Information, wie es die Quantenphysiker nennen. Und was ist Wissen anderes als Bewusstsein?  

Ich habe Ihnen noch einen Beitrag von mir zu dem Thema angehängt [Vorlage für die Veröffentlichung in dem Buch „Bindungen“ aus der Reihe „Zwischen den Welten“ Cuvillier Verlag 2016, Seiten 37-45]. Vielleicht findet sich darin noch der ein oder andere interessante Aspekt. Außerdem sende ich Ihnen einen Link zu einem Video (mit Rupert Spira), das sich mit der von Ihnen gestellten Frage auseinandersetzt. 

 

 

Herzliche Grüße


Hallo Herr Pfrommer,

 

nochmals vielen Dank für Ihre e-mail.

 

Die Argumentation aus 2.) kann ich nur bedingt nachvollziehen. Ich hatte mir folgendes Modell zurechtgelegt: Eine „Hirnfunktion“ nimmt ein Objekt wahr. Natürlich ist dann die Wahrnehmung als solche noch nicht wahrgenommen. Deshalb gibt es eine weitere Hirnfunktion die die Wahrnehmung als solche bezeugt. Damit war ich erstmal zufrieden. Schließlich bemerkte ich, daß der Vorgang der Wahrnehmung, des Bezeugen und vor allem Bewußtseins ein völliges Rätsel ist. Kann Bewußtsein entstehen wenn ein paar Hirnsynapsen feuern? Was ist das: „sich bewußt sein“?

 

Zu Ihrem Punkt 4.) möchte ich anmerken, daß ich tatsächlich Grenzen des Bewußtseins kenne. Ich kann nicht wahrnehmen was meine Frau denkt, wenn Sie neben mir sitzt. Ich kann die Rückseite einer Münze nicht wahrnehmen wenn ich die Vorderseite betrachte. Habe ich die Erforschung der Grenzen falsch verstanden?

 

Ich bin ein sehr großer Freund von Rupert Spira. Besonders schätze ich seinen Vergleich der Existenz von Materie mit dem Monster von Loch Ness. Wir wissen nicht, ob es dieses Monster gibt aber unterhalten uns ausgiebig über dessen Essgewohnheiten - das ist so ernüchternd.

 

Das verlinkte Video  kannte ich noch nicht. Aber auch hier bleibt eine Frage offen: Wenn ich mich nicht erinnern kann, daß Bewußtsein entstand - interpretiere ich dies nicht als Beweis dafür, daß Bewusstsein schon immer da war. Während der Entstehung des Bewusstseins (z.B. während sich das Hirn ausformte) war noch kein Bewusstsein da um diese Entstehung bezeugen zu können.

Ich bemerke, daß eine logische Herangehensweise niemals eine dem Verstand genügende Antwort geben kann. Eine Frage wird beantwortet und zwei neue tun sich auf.

 

Daher schätze ich den von Ihnen angefügten Text sehr. Der Schlüssel scheint in der Unmittelbarkeit zu liegen. Wenn wir uns dem voll hingeben erscheint jede Existenz noch viel unglaublicher und unerklärlich zu sein - ein Wunder daß das hier alles passiert, oder?

In diesem Zusammenhang schätze ich das Buch „über alles Erfassen hinaus“ von Joan Tollifson sehr. 

Allgemein bin ich nicht gerade froh darüber mir diese Fragen jemals gestellt zu haben. Es scheint mir so als hätte ich die Büchse der Pandora geöffnet während die meisten Mitmenschen entspannt weiterleben würden. 

 

 

mit freundlichem Gruss


Lieber ...,

 

auch von mir herzlichen Dank für Ihre ausführliche Erwiderung. Ja, Bewusstsein bleibt ein Rätzel und ich glaube auch nicht, dass es durch das Feuern von ein paar Hirnsynapsen erklärt werden könnte. Allerdings denke ich nicht, dass es ein Fehler ist sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Zumindest meine Mitmenschen leben nicht wirklich entspannt, auch wenn sie sich diese Fragen nicht stellen…

 

Herzliche Grüße