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Kein Riss durch die Welt - über die Bindung von Welt und Ich

Dieser Text wurde in der Reihe „Zwischen den Welten“ der HS Coburg, Band 5 – Bindungen, Cuvillier Verlag Göttingen, 2016, veröffentlicht.

1. Einführung

Unzählige Weisheitslehren und Philosophien haben immer wieder auf die Ganzheit der Welt und die Einheit allen Seins hingewiesen. Die indische Mythologie verkündigte die Botschaft vor Tausenden von Jahren ebenso wie letztlich jede Weltreligion. Die mystische Feststellung „Alles ist Eins“ findet sich in vielen geistigen Strömungen und begleitet seit jeher Kunst, Literatur und Wissenschaft. Und dennoch, im Alltag sind wir weit davon entfernt, die Welt so zu sehen.

Selbst wenn wir begriffen haben, dass die von uns erfahrene Welt in vielfältiger Weise und in unendlichen gegenseitigen Wechselwirkungen zusammenhängt ohne das eine tatsächliche Isolation bzw. Trennung von Einzelphänomenen auftreten kann, so erleben wir diese Welt doch aus einer scheinbar losgelösten und distanzierten Perspektive. In unserem Alltag unterscheiden wir in der Regel streng zwischen den in der Welt vorhandenen Objekten wie Gegenstände, Pflanzen, Wasser, Luft etc. und dem bewussten Lebewesen, welches diese Dinge mit seinen Sinnen erlebt (sieht, hört, riecht etc.) und unter Umständen willentlich einen Einfluss darauf nehmen kann. Es besteht also eine fundamentale Trennung zwischen der Welt auf der einen Seite und dem diese Welt erfahrenden „Subjekt“ auf der anderen Seite. Zwischen uns als bewusste Wesen und der von uns erfahrenen Welt scheint eine tiefe Kluft zu verlaufen. Es scheint ein Riss durch die Welt zu gehen, der uns von ihr trennt.

Diese Trennung spiegelt sich auch in unserer Sprache wieder, die einen Satz üblicherweise in Subjekt und Objekt aufteilt. In der menschlichen Selbstbetrachtung wird das Subjekt bzw. die „erste Person“ auch mit „Ich“ bezeichnet, wobei nicht ganz klar ist, welchen Teil des menschlichen Lebewesens dieses Ich umfasst bzw. wo genau die Grenze zu dessen „Umgebung“ bzw. zum „Nicht-Ich“ verläuft.

Gemäß einer einfachen und weit verbreiteten Auffassung beinhaltet das „Ich“ sowohl den Körper als auch den denkenden Geist des Menschen. Der Mensch definiert sich also über seinen Leib und seine psychische Verfassung inklusive seiner Fähigkeit, die Welt um ihn herum bewusst wahrzunehmen. Häufig wird jedoch auch noch zwischen Geist und Körper bzw. Leib und Seele unterschieden, wobei das „Ich“ nur dem geistigen Anteil zugeschrieben wird. Diese Anschauung hat in der abendländischen Philosophie eine lange Tradition und wurde im 17. Jahrhundert von René Descartes mit seinem berühmten Satz „cogito ergo sum“ (Ich denke also bin ich) auf den Punkt gebracht. Auf Descartes geht auch die Bezeichnung „Leib – Seele – Dualismus“ zurück, die seither als Synonym für eine dualistische Weltanschauung der Subjekt – Objekt – Trennung steht. Dieser Dualismus bildet bis heute das philosophische Rückgrat vieler religiöser Anschauungen, die das Ich auch als unsterblichen Wesenskern (Seele) des Menschen deuten. Auch heute noch ist eine solche Auffassung weit verbreitet, weil sie sich sehr stark mit der intuitiven Selbstwahrnehmung des Menschen als eigenständiges und getrenntes Ich deckt. Sie ist so selbstverständlich, dass wir sie im Alltag nicht in Frage stellen. Und doch ist sie eine Illusion. Dies soll im Folgenden gezeigt werden.

2. Experimenteller Zugang

2.1 Tasten

Berühren Sie mit der flachen Hand oder besser nur mit einer Fingerkuppe eine Tischfläche und konzentrieren Sie sich auf das entsprechende Tastgefühl. Am besten schließen Sie dabei die Augen. Sie spüren möglicherweise eine leicht kühle Temperatur verbunden mit einem sanften Druck. Versuchen Sie möglichst genau zu ergründen, was Sie an der Stelle spüren. Fragen Sie sich dann, wieviel Empfindungen Sie im Bereich ihrer Fingerkuppe wahrnehmen. Bleiben Sie dabei mit ihrer Aufmerksamkeit an einer bestimmten Stelle. Sobald Sie mit der Konzentration hin und herwandern, werden Sie natürlich nacheinander unterschiedliche Empfindungen spüren. Das ist nicht gemeint.

Wieviel Tastempfindungen gibt es an ein und derselben Stelle? Mehrere? Zwei? Eine? Sie werden sicher zustimmen, dass Sie nur eine einzige Tastempfindung spüren. Stellen Sie sich jetzt folgende Frage: Spüren Sie den Tisch oder Ihren Finger? Die Frage ist berechtigt, denn schließlich ruht der Finger auf dem Tisch. Wenn Sie den Eindruck haben, dass es nur der Tisch ist, den Sie spüren, dann irren Sie sich. Denn das würde bedeuten, dass ihr Finger taub ist. In diesem Fall könnten Sie gar nichts spüren. Sie würden nichts von dem Tisch „wissen“. Der Eindruck muss also falsch sein.

Oder es hat für Sie den Anschein, als ob Sie nur ihren Finger spüren. Dann dürfte sich beim Abheben des Fingers von der Tischfläche der Tasteindruck nicht ändern. Auch das ist nicht der Fall.

Sie müssen also zugeben, dass die Tastempfindung weder dem Tisch noch ihrem Finger allein zugeschrieben werden kann. Und doch ist es ein einziger Tasteindruck! Im Augenblick der direkten Wahrnehmung verschmilzt der Gegenstand, der berührt wird, mit demjenigen, der ihn berührt. Anders ausgedrückt: im Moment der Erfahrung gibt es keine Trennung zwischen dem Objekt der Wahrnehmung und dem Subjekt, das es wahrnimmt. Das gilt zumindest für unseren Tastsinn. 

2.2 Hören

Beenden Sie nun das Tastexperiment und wenden Ihre Aufmerksamkeit einem beliebigen Geräusch zu. Halten Sie die Augen dabei am besten weiter geschlossen. Vielleicht hören Sie ferne Autogeräusche, das Gezwitscher von Vögeln vor dem Fenster oder die Sprache einer Person im Raum. Alternativ können Sie auch der in Ihren Gedanken existierenden inneren Stimme lauschen, oder Sie summen im Geist eine Melodie. Die Art, real oder geistig, und die Bedeutung des Geräusches spielt keine Rolle. Achten Sie stattdessen genau darauf, was Sie hören. Vermutlich werden Sie zustimmen, dass sich das Geräusch aus wechselnden Lautstärken, Tonhöhen, Klangfarben und einem bestimmten Rhythmus zusammensetzt.

Fragen Sie sich, ob Sie beim Vorgang des Hörens zwischen dem wahrgenommenen Geräusch und demjenigen, der hört, unterscheiden können. Lässt sich der jeweilige  Höreindruck in zwei Teile aufteilen? Gibt es einen Anteil des Geräusches, den Sie z.B. dem zwitschernden Vogel und einen anderen Anteil, den Sie sich selbst als dem Zuhörer zuschreiben können? Die Fragen klingen absurd. Selbstverständlich nehmen Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nur ein einziges Geräusch wahr, das sich nicht auftrennen lässt. Was ist es aber dann, was Sie hören?

Vermutlich ordnen Sie das Geräusch einzig dem singenden Vogel zu. Sie sagen: „Da zwitschert ein Vogel“. Doch wenn an der Wahrnehmung nur das Gezwitscher und nicht Sie als Zuhörer beteiligt wären, dann würden Sie nichts hören, oder? Jemand muss doch davon wissen, dass ein Geräusch ertönt, oder nicht?

Konzentrieren Sie sich nochmal auf das Geräusch und wandern dann mit der Aufmerksamkeit zu der Erfahrung des Geräusches, also hin zu Ihrem „Wissen“ des Geräusches. Wechseln Sie zwischen dem Geräusch und Ihrem Wissen um das Geräusch hin und her. Müssen Sie dabei mit Ihrer Aufmerksamkeit eine Grenze überschreiten? Sind Geräusch und dessen Erfahrung tatsächlich getrennt? Nein, Sie werden zustimmen, das gehörte Geräusch kann weder Ihnen als Subjekt noch dem Objekt alleine zugeschrieben werden.

Anders ausgedrückt: das Hören des Geräusches ist das Geräusch, das Wissen um das Objekt ist das Objekt. Im Augenblick der Wahrnehmung sind Subjekt und Objekt eins. Es gibt keinen Hörenden und es gibt kein Gehörtes. Es gibt nur „Hören“. Das ist unsere direkte Erfahrung!

2.3 Sehen

Öffnen Sie nun die Augen und fixieren Sie irgendeinen Gegenstand in Ihrer Umgebung, z.B. ein Bild an der Wand. Die Bedeutung des Bildes ist irrelevant. Fragen Sie sich zunächst, was Sie im Einzelnen tatsächlich sehen. Was bleibt vom Seheindruck übrig, wenn man die Interpretation des Gesehenen außer Acht lässt? Reduziert sich das Bild dann nicht auf eine bestimmte räumliche Anordnung von Farben und Formen?

Fragen Sie sich jetzt, ob Sie beim Vorgang des Sehens zwischen den wahrgenommenen Farben und Formen und demjenigen, der diese sieht, unterscheiden können. Lässt sich der jeweilige  Seheindruck in zwei Teile aufteilen? Gibt es einen Anteil der Farben und Formen, den Sie z.B. dem Bild und einen anderen Anteil, den Sie sich selbst als den Sehenden zuschreiben können? Auch diese Fragen klingen absurd. Selbstverständlich nehmen Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einen einzigen Seheindruck wahr, der sich nicht auftrennen lässt. Was ist es aber dann, was Sie sehen?

Vermutlich ordnen Sie die Farben und Formen einzig dem Bild zu. Sie sagen: „Da hängt ein Bild“. Doch wenn an der Wahrnehmung nur das Bild und nicht Sie als sehende Person beteiligt wären, dann würden Sie nichts sehen, oder? Jemand muss doch die Farben und Formen zur Kenntnis nehmen. Jemand muss doch davon „wissen“, dass das Bild erscheint, oder nicht?

Konzentrieren Sie sich nochmal auf eine bestimmte Farbe oder Form. Wandern Sie dann mit der Aufmerksamkeit zu Ihrer Erfahrung bzw. zu Ihrem Wissen um die Farbe oder Form, wechseln Sie zwischen beidem hin und her. Müssen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit eine Grenze überschreiten? Sind Farbe und Form und deren Erfahrung, also das Wissen um ihre Erscheinung, zwei verschiedene Dinge? Nein, Sie werden zustimmen, das gesehene Bild kann nicht dem Subjekt oder Objekt alleine zugeschrieben werden.

Wieder lässt sich schließen, dass auch beim Vorgang des Sehens keine Trennung zwischen dem wahrgenommenen Objekt (Farben, Formen, Raum) und dem wahrnehmenden Subjekt (Sie) auftritt. Anders ausgedrückt: das Sehen der Farben und Formen sind die Farben und Formen, das Wissen um das Objekt ist das Objekt. Es gibt keinen Sehenden und nichts Gesehenes. Es gibt nur „Sehen“. Im Augenblick der Wahrnehmung sind Subjekt und Objekt eins. Das ist unsere direkte Erfahrung!

2.4 Reflexion

Es ist ganz normal, dass die Experimente zunächst verwirren. Sie erscheinen auf der einen Seite völlig klar und nachvollziehbar, auf der anderen Seite unvernünftig und falsch. Sie fühlen sich vielleicht getäuscht wie durch einen Zaubertrick. Selbstverständlich, werden Sie vielleicht einwenden, gibt es bei jeder Wahrnehmung ein Subjekt und ein Objekt. Hier ist Ihr Körper mit Finger, Ohren und Augen und dort sind der Tisch und das Bild an der Wand. Hier ist das Subjekt und dort sind die Objekte. Da gibt es doch keine Zweifel, oder?

Es ist sehr wichtig, dass diese Zweifel zugelassen und ernst genommen werden. Denn auf diese Weise kann man bemerken, dass es sich bei diesem Einwand um eine nachträgliche Interpretation des Verstandes handelt. Im Moment der direkten Wahrnehmung, beim Tasten, Hören und Sehen, gibt es keine Trennung. Da sind nur Tasten, Hören, Sehen und sonst nichts. Diese direkte Wahrnehmung wird jedoch von dem Gedanken überlagert, dass sich hier ein Körper befindet, der spürt, hört, sieht und dort ein Gegenstand sei, der berührt, gehört, gesehen wird.

Versuchen Sie diese Überlagerung zu entdecken. Wiederholen Sie eines der drei obigen Experimente und achten jetzt zusätzlich auf das, was Ihnen Ihr Verstand dazu sagt. Diese Übung ist nicht ganz einfach, da wir nicht gewohnt sind zwischen der direkten Wahrnehmung und der gedanklichen Interpretation zu unterscheiden. Wenn Sie aber sehr aufmerksam sind, dann werden sie den Unterschied entdecken. Der Erkenntniszugewinn kann erheblich sein.   

 Zusammenfassend lässt sich also sagen: In der direkten Wahrnehmung, bei allen sinnlichen Vorgängen wie Tasten, Hören und Sehen, gibt es keine Trennung zwischen dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt. Beide sind im Augenblick der Erfahrung verbunden. Die Trennung in Subjekt und Objekt, Ich und Welt erfolgt durch eine nachgeordnete gedankliche Interpretation. Diese Feststellung gilt im Übrigen nicht nur für die sinnlichen Erfahrungen der Welt, sie gilt auch für die Wahrnehmung unserer Gedanken, unseres Körpers und unserer Gefühle, was hier jedoch nicht weiter vertieft werden kann. 

3. Diskussion der Bindung von Welt und Ich

3.1 Alles ist Welt

Gegen diese Übungen könnte eingewendet werden, dass sie der physikalischen Wirklichkeit widersprechen. Schließlich gibt es bei jeder Wahrnehmung einen Sender und einen Empfänger. Wenn z.B. ein Vogel zwitschert, dann gehen von dessen Schnabel Schallwellen aus, Luftdruckschwankungen, die durch den Raum wandern bis sie auf den Empfänger, das Ohr treffen. Das ist richtig, aber unvollständig betrachtet. Das Ohr ist ja nicht der Empfänger, sondern ein Wandler. Es setzt die Schallwellen in elektrische Impulse um, die dann ins Gehirn weitergeleitet werden. Doch auch dort sind nirgendwo ein Empfänger zu finden, sondern lediglich weitere Umwandlungsvorgänge. Doch wer hört dann? Wo entsteht aus einem physikalischen Muster der erlebte Eindruck „Lautstärke, Tonhöhe, Klangfarbe etc.“ Das ist naturwissenschaftlich nicht erklärbar. Doch selbst wenn die Entstehung der subjektiven, man sagt auch „phänomenalen“ Wahrnehmungen, naturwissenschaftlich geklärt wäre, dann müsste im Augenblick der Wahrnehmung das physikalische Muster, also der Träger der Information, und dasjenige, das wahrnimmt, zusammenfallen. Es kann hier niemals eine Trennung geben, da jede Trennung den Informationsfluss unterbrechen würde. Es ist daher auch naturwissenschaftlich gesehen zwingend erforderlich, dass im Moment der Wahrnehmung Subjekt und Objekt eins sind.     

Ein fundamentales Problem des Subjekt-Objekt-Dualismus besteht darin, dass er das Zusammenwirken der „geistigen Substanz“ und der „materiellen Substanz“ nicht erklären kann. Es bleibt also unklar wie etwas Nicht-Materielles auf etwas Materielles Einfluss nehmen kann und umgekehrt. Dieser Einfluss ist jedoch die Voraussetzung einer jeden Interaktion zwischen Subjekt und Objekt, also z.B. zwischen Mensch und Umwelt. Außerdem bleibt der Dualismus die Erklärung schuldig, wie ein Ich-Geist mit freiem Willen mit den Naturgesetzen in Einklang gebracht werden kann. 

Als Konsequenz hat sich heute das materielle Weltbild der Naturwissenschaften etabliert, das auch als „physikalisch“ oder „reduktionistisch“ bezeichnet wird. Es reduziert alle Naturvorgänge und Erscheinungen auf physikalische Wechselwirkungen zwischen Materieteilchen, die sich zumindest theoretisch über Naturgesetze erfassen lassen. Ein solches Weltbild nennt man auch „monistisch“ (aus einer Substanz) bzw. „nicht-dual“, weil es nicht nur sämtliche Objekte der Welt, sondern auch geistige Denkvorgänge und das wahrnehmende Bewusstsein auf physikalische bzw. biophysikalische Vorgänge zurückführt und damit das Problem des Zusammenwirkens von Geist und Materie löst. Die Prämisse dieses Weltbildes heißt: „Alles ist Materie“ oder „Alles ist Welt“. Da alle materiellen Vorgänge auf einer bestimmten Ebene substanziell und kausal miteinander zusammenhängen, führt dieses Weltbild zu einer ganzheitlichen bzw. holistischen Weltanschauung. Als Konsequenz wird das individuelle Ich-Empfinden als Illusion gedeutet. Denn wenn sämtliche Naturvorgänge durch Naturgesetze gesteuert werden, ist kein Platz für einen individuellen, von den Naturgesetzen separierten Ich-Geist.

Während der Materie eine universelle Existenz zugesprochen wird, tritt das (menschliche) Bewusstsein nur als zeitlich und räumlich begrenzte biologische Erscheinung auf. Das Bewusstsein ist also eine biologische Eigenschaft bestimmter Lebewesen, die mit dem Tod dieser Wesen erlischt. Das materielle Weltbild geht davon aus, dass Materie auch unabhängig von einem wahrnehmenden Bewusstsein existiert, ja es deutet diesen Zustand als Normalfall. Unter Bewusstsein wird also eine Begleiterscheinung von Materie verstanden, die strenggenommen gar nicht benötigt wird.

Aber auch das materielle Weltbild stößt an Grenzen. Die Deutung des Ich-Empfindens als Illusion ist problematisch, da sie die Frage aufwirft, aus welchem Ich-Empfinden die Illusion selbst hervorgeht. Denn eine Illusion setzt bereits ein Ich-Empfinden voraus, welches eine falsche Auffassung zu haben scheint. Anders ausgedrückt: Wer ist derjenige, der die Illusion „hat“? Wer „weiß“ um diese Illusion?

Wie bereits angedeutet stellt die Existenz von Bewusstsein bis heute ein naturwissenschaftliches Rätzel dar. Bisher gibt es keine endgültige Theorie, die die Entstehung und das Wesen von Bewusstsein erklärt. Da Materie selbst zunächst ein Produkt der Wahrnehmung und daher des Bewusstseins ist, führt die Deutung des Bewusstseins als nachgeordneter materieller Vorgang zu diversen Zirkelschlüssen und Paradoxien.  Als Beispiel sei die Wahrnehmung der Farbe „Grün“ angeführt. Die Farbe Grün ist keine Eigenschaft eines Objektes wie z.B. einer Pflanze, sondern sie ist eine Zuschreibung des Bewusstseins, welches Licht mit der Wellenlänge von 550nm die Wahrnehmung „Grün“ zuordnet. In ähnlicher Weise kennzeichnet  der Höreindruck des Kammertones „a“ keine Eigenschaft einer Stimmgabel sondern steht für eine mechanische Schwingung mit der Frequenz von 440 Hz. Der Geschmackseindruck „süß“ repräsentiert bestimmte Zuckermoleküle etc. Diese sogenannten „phänomenalen“ Ersatzbeschreibungen gelten für sämtliche Sinneseindrücke inklusive der visuellen bzw. haptischen Erfahrungen „Wellenlänge“, „Schwingung“ und „Zuckermolekül“, womit klar wird, dass wir nicht die Welt an sich erfahren, sondern immer nur die Kreation des Bewusstseins. 

Außerdem lässt es sich, wie im Dualismus, auch im Materialismus schwer verstehen, wie es zu einer Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Materie kommt. Eine solche Wechselwirkung ist aber unzweifelhaft vorhanden. Die Tatsache, dass sich Lebewesen als bewusst erleben können, beeinflusst deren Leben und damit die materiellen und physikalischen Vorgänge. Die Existenz dieses Textes beweist, dass eine Auseinandersetzung mit „Bewusstsein“ in der sogenannten materiellen Welt stattfindet.

3.2 Alles ist Ich

Möchte man dieses Problem lösen ohne neue dualistische Konstellationen aufzubauen, gibt es nur einen Weg: man muss das Bewusstsein vor die Existenz von Materie stellen, was zu einem idealistischen bzw. mystischen Weltbild führt. Auch dieses Weltbild ist „monistisch“, da es von der Universalität des Bewusstseins ausgeht. Sein Kredo lautet: „Alles ist Bewusstsein“ oder „Alles ist Ich“. Dieses Weltbild klingt z.B. schon in den viele Tausend Jahre alten Texten der indischen Upanischaden an, findet sich im Daoismus, Zen-Buddhismus oder Advaita-Hinduismus. Es ist daher deutlich älter als das materielle Weltbild. Dies liegt vermutlich daran, dass es sich nur auf empirisch direkt nachvollziehbare Tatsachen beruft und theoretische Ableitungen außer Acht lässt.

Sämtliche Erfahrungen wie Farbe, Formen, Geräusche, Gerüche etc. sind unmittelbare Wahrnehmungen, die im Bewusstsein auftauchen. Andere Informationen als diese Wahrnehmungen gibt es nicht. Bewusstsein ist daher nicht eine Folgeerscheinung von Materie, sondern unsere Vorstellung von Materie ist eine Folgeerscheinung von Bewusstsein. Ohne Bewusstsein ist auch das „Sein“ von Materie unverständlich, weshalb die Existenz von nicht wahrgenommener Materie (z.B. in einem unbewohnten Parallel-Universum) im mystischen Weltbild keinen Sinn macht. 

Auch in diesem monistischen Weltbild existiert keine substanzielle Trennung zwischen den Objekten der Anschauung untereinander und zwischen Subjekt und Objekt, auch hier gibt es kein individuelles separates Ich. Im Gegensatz zum materiellen Weltbild muss das Ich-Empfinden jedoch nicht als unverständliche Illusion abgetan werden, sondern es stellt eine fundamentale Eigenschaft des universellen Bewusstseins dar. Geleugnet wird daher nicht das Ich-Empfinden an sich, sondern die Reduktion dieses Ichs auf ein von der Welt getrenntes Individuum, das es in einer monistischen, ganzheitlichen Welt (ohne substanzielle Trennungen) grundsätzlich nicht geben kann.

Zum besseren Verständnis des mystischen Weltbildes wird häufig der Vergleich mit dem Nachttraum angeführt, in welchem das träumende Bewusstsein sowohl eine Weltkulisse erstellt als auch einen Zeugen, die Traumperson, die diese Weltkulisse erlebt bzw. sich darin bewegt. Tatsächlich gibt es im Traum keine Trennung zwischen Traumperson und Traumwelt, da beide vom Bewusstsein gleichzeitig geschaffen werden. Das Ich-Empfinden der Traumperson ist insofern illusorisch, da der Traumperson keine eigenständige Substanz zukommt, es ist aber andererseits real, da es das Ich-Empfinden des träumenden Bewusstseins wiederspiegelt.

Im Gegensatz zum individuellen Nachttraum entsteht die bewusste Realität des Tages auf der Basis eines „universellen“ Bewusstseins, welches sämtliche individuellen Perspektiven beinhaltet und gleichzeitig eine intersubjektiv stimmige und konsistente Welterfahrung  gewährleitet. Obgleich die Existenz eines solchen universellen Bewusstseins nicht rätselhafter erscheint als die Existenz einer Welt aus reiner Materie, ist sie für die westlich Denktradition ungewohnt und schwer zu akzeptieren. Vor allen Dingen widerspricht die Abwertung von Materie zum Statisten des Bewusstseins bis hin zur Leugnung der Existenz von Materie „an sich“ der modernen gesellschaftlichen Tendenz, Lebensglück und Erfüllung in dem Erwerb und Besitz von materiellen Gegenständen zu sehen. Dies ist vermutlich der tiefere Grund, weshalb das mystische Weltbild derzeit ein Schattendasein führt.  

4. Schlusswort:

Welches Weltmodell man plausibler findet, das materealistische, mystische oder ein anderes, mag Glaubens- und Geschmacksache sein. Eine letzte Gewissheit über die Wahrheit eines der Modelle kann es wohl nicht geben. Eines ist jedoch absolut sicher: Alle Menschen wissen aus eigener sicherer Erfahrung, dass sie bewusste Wesen sind. Wir wissen alle, dass wir „sind“. Das ist die einzige Gewissheit, die nicht geleugnet werden kann. In dieser Gewissheit sehen wir, hören wir, spüren wir, riechen wir und schmecken wir. Und aus der direkten Erfahrung der Sinneseindrücke können wir eindeutig schließen, dass die Objekte dieser Wahrnehmung und deren Erfahrung eins sind. Es geht kein Riss durch die Welt.