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Ein Streifzug durch Sein und Nichtsein

Dieser Text wurde im Coburger Hochschulmagazin, Heft 18, April 2010, veröffentlicht.

Student/in X brütet vor Studienarbeit Y. Das ist die übliche didaktische Situation an Hochschulen und spiegelt die wissenschaftliche Arbeitsweise. Das erkennende Subjekt (hier Student/in) und das zu untersuchende Objekt (Studienarbeit) sind klar getrennt. Beschäftigt man sich nun allerdings wie z.B. in der Bauphysik mit dem Vorgang der Wahrnehmung von Licht, Schall, Wärme etc. oder untersucht wie in der modernen Gehirnforschung das Bewusstwerden dieser Vorgänge selbst, wird diese so genannte „dualistische“ Trennung von Subjekt und Objekt schwierig. Schließlich gelten die Naturgesetze auch für das erkennende Subjekt, womit dieses selbst zum Objekt wird. Aber auch die etwas fade Vorstellung der Welt als reine Verknüpfung von Objekten ist unvollständig. Schließlich sind mit wissenschaftlichen Methoden gar keine unabhängigen Objekte feststellbar, sondern nur sich wechselseitig bedingende Prozesse (den Prozess der Selbstwahrnehmung als Subjekt mit eingeschlossen). Das aber hat Konsequenzen, die alles andere als gewöhnlich sind. Wo bleibt dann z.B. das Individuum, die Person bzw. das eigene Ich oder anders gefragt: „wer“ nimmt da eigentlich „was“ wahr?


Der freie Wille als Paradox

Wer kennt nicht die typische Situation in einer Vorlesung, in welcher der Dozent, schon leicht genervt, die Studenten mit folgenden Worten zu motivieren sucht: „Es reicht nicht, wenn ich Sie dazu auffordere, Sie müssen das selbst wollen!“ Dies jedoch ist leider eine ähnlich widersprüchliche Aussage wie die Aufforderung „Sei mal spontan“. Jede Aufforderung setzt nun mal eine kausale Wirkung der Aussage voraus, sonst wäre sie überflüssig. Andererseits ist der eigene freie Wille nur dann aus sich selbst heraus begründet, wenn er nicht fremd gesteuert ist – und sei es durch eine gut gemeinte Empfehlung. Beides zusammen funktioniert nicht. Man kann nicht frei sein MÜSSEN. Die Idee eines „freien Willens“ führt in einer auf kausalen Prinzipien begründeten Welt zu unauflöslichen Paradoxien.

 

Zugegeben, die Frage nach dem freien Willen ist nicht wirklich neu, sondern eher ein philosophisch-religiöser Dauerbrenner. Bei genauer Betrachtung erkennt man jedoch, dass die Frage falsch gestellt ist. Denn die Diskussion gründet nach wie vor in einem dualistischen Weltbild, welches die Welt in unabhängige Objekte aufspaltet, die  – je nach Ansicht – einen freien Willen besitzen oder eben auch nicht. Ohne eine solche Aufspaltung ist schlichtweg niemand vorhanden, der einen solchen Willen haben könnte. Stattdessen entfaltet sich die Welt stets als Ganzes. Ohne einen solchen Dualismus, also „nondualistisch“ betrachtet ist der Mensch kein eigenständig handelndes Wesen IN der Welt, sondern ein vollkommener Ausdruck VON der Welt. Oder einfacher ausgedrückt: der einzelne Mensch und seine Wahrnehmung sind NICHTS und gleichzeitig ALLES. 


Konsequenzen eines nondualen Weltbildes

In Verbindung mit der gegenwärtigen Diskussion über Klima- und Umweltschutz setzt sich immer mehr eine ganzheitliche Weltsicht durch. Auch wenn sich in der Vorstellung eines ökologischen Netzwerkes aus isolierten und von einander getrennten Lebewesen nach wie vor dualistische Grundauffassungen halten, herrscht heute eine gewisse Einigkeit darüber, dass nur eine nachhaltige („sustainable“) Bewirtschaftung die Lebensgrundlage auf Dauer sichert. Weitere Konsequenzen ergeben sich z.B. mit der im Zuge der modernen Gehirnforschung neu aufgekommenen Diskussionen zum Thema „Schuld“. Und wenn man wieder mal mit größtmöglich gefühlter Verlassenheit vor einer Studienarbeit brütet, dann tröstet vielleicht folgender Umstand: Verlassenheit eines Einzelnen kann es in einer nondualen Welt „an sich“ genauso wenig geben wie Unwürdigkeit, Minderwertigkeit oder ähnliche vergleichende Ich-Konzepte.

 

Eine ausführliche Diskussion der genannten Überlegungen enthält das Buch „Die Entdeckung der Ichlosigkeit“. Es wagt eine Überschreitung sämtlicher Fakultätsgrenzen und wirft einen Blick hinter die Kulissen der Dualität, wobei sowohl wissenschaftliche, philosophische als auch spirituelle Aspekte beleuchtet werden. Es ist eine Einladung zu einem humorvollen Streifzug am Rand der Welt, wo das gewohnte Bild unserer selbst verschwimmt und das Niemandsland der Ichlosigkeit beginnt.