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Die Substanz der Ich-Erfahrung - Vortrag bei der Evang. Kirche

Am 11.09.19 fand im Rahmen einer Pfarrkonferenz der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ein Vortrag + Diskussion zum Thema Ich-Bewusstsein statt. Der Vortrag gliederte sich in drei Teile

1. Die in unserer Gesellschaft übliche gegenständliche Ich-Vorstellung (das getrennte Ich)

2. Das getrennte Ich und die damit verbundenen Ich-bezogenen Lebensstrategien

3. Die tatsächliche Substanz der Ich-Erfahrung.

Aus Zeitgründen mussten die Informationen stark gestrafft werden. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass eine folgerichtige Argumentationslinie gefunden wurde. Da keine mediale Aufzeichnung der Veranstaltung stattfand, wurden die Vortragsfolien von mir nachträglich aus dem Gedächtnis heraus schriftlich kommentiert. So entstand eine grobe Dokumentation, die ich im Folgenden darstellen möchte. Die Darstellung beschränkt sich allerdings vorläufig auf den Teil 3: Die Substanz der Ich-Erfahrung.   


Die moderne Gehirnforschung bzw. die Neurowissenschaften bezeichnen die menschliche Ich-Auffassung als neuronal erzeugte Illusion. Diese Aussage ist teils richtig und teils falsch. Das lässt sich sehr gut anhand einer Fata Morgana erklären. Die Erscheinung einer fernen Wasserfläche in der Wüste ist eine typische optische Illusion. Tatsächlich existiert da kein Wasser, sondern eine Spieglung von heißer Luft. Bei der Interpretation der heißen Luft als Wasser handelt es sich also um eine Fehldeutung. Die Fata Morgana an sich ist aber keine Illusion. Die Wahrnehmung von etwas, das in der Ferne flimmert und aussieht wie Wasser, ist ohne Zweifel real. Entsprechend verhält es sich auch mit der Ich-Erfahrung. Die Deutung des Ich als gegenständliches getrenntes Objekt, als individuelles oder persönliches Selbst ist tatsächlich eine Illusion, eine mentale Fehldeutung. Die Erfahrung, dass ein Ich gegenwärtig ist, ist dagegen keine Illusion, sondern eine unleugbare und fundamentale Wahrheit unseres Daseins. 

 

Alle Menschen machen gleichermaßen die Erfahrung als Ich gegenwärtig anwesend zu sein. Und diese Ich-Erfahrung scheint sich im Leben nicht zu ändern. Wir sagen z.B. „Ich bin 40“, „Ich habe Hunger“, „Ich bin glücklich“, „Ich bin 57“, „Ich bin satt“, „Ich bin müde“, „Ich bin verliebt“. Diese Ich-Aussagen verbinden jeweils das „Ich“ mit unterschiedlichen Zuständen und Erfahrungen. Während die Zustände und Erfahrungen wechseln, bleibt der Ich-Bezug immer in gleicher Weise erhalten. Erleben wir nicht immer alles unter dem Eindruck, dass wir als „Ich“ da sind? Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit zurück, z.B. an den ersten Schultag. War das Ich, das diese besondere Situation erlebt hat, nicht dasselbe Ich, das jetzt diesen Text liest? Natürlich hatten Sie damals einen ganz anderen Hintergrund, Ihre Lebenserfahrung war ganz anders als heute, entsprechend unterschieden sich Ihre Überzeugungen, Gefühle, Gedanken, Erwartungen, Wünsche etc. von Ihren heutigen. Das ist nicht gemeint. Aber war nicht die bloße Tatsache Ihrer Erfahrung „Ich bin hier und erlebe das“ vollständig identisch? Haben Sie nicht den Eindruck eine bleibende Identität zu besitzen? Erfahren Sie nicht „sich selbst“ in Ihrer Erinnerung? Wäre es nicht so, wie könnten Sie sonst „über sich selbst“ reflektieren? 

 

Was ist das nun für ein Bezug, der im Leben immer konstant erhalten bleibt? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der menschliche Verstand und er hält eine zunächst überzeugende Lösung parat: es ist der eigene Körper. Denn unser Körper und mit ihm der denkende Geist war seit wir uns erinnern können anwesend. Er begleitet uns seit unserer Geburt. Daher scheint es offensichtlich, dass unser „Ich“ mit diesem Köper, seinen Gedanken und Gefühlen gekoppelt, wenn nicht gar identisch ist. Diese Verbindung der bleibenden Ich-Erfahrung mit dem Körper ist die Geburtsstunde der gegenständlichen, individuellen Ich-Auffassung, dem getrennten Ich. Dass es sich hierbei um eine Fehldeutung handelt, ähnlich dem Wasser in der Wüste, bleibt den meisten Menschen zeitlebens verborgen.


Um die tatsächliche Substanz der Ich-Erfahrung aufzudecken, ist es sinnvoll zunächst zu untersuchen, was wir NICHT sein können. Dazu werden im Folgenden sämtliche Erfahrungen, die wir Menschen im Leben machen, in die Kategorien „Gedanken“, „Körperempfindungen“ und „Sinneseindrücke“ eingeteilt. Das stellt eine nützliche Vereinfachung dar. Da sich viele Menschen sehr stark mit ihrem Denken identifizieren, beginnt unsere Untersuchung mit der Betrachtung unserer Gedanken. Unter Gedanken verstehe ich eine visuelle oder sprachliche Vorstellung, z.B. die berühmte innere Stimme, die in unserem Geist vor sich hinplappert, bewertet, vergleicht, urteilt etc. und unser Sprechen vorbereitet. Um uns das Denken zu vergegenwärtigen, können wir uns z.B. fragen, wie lange ein Gedanke dauert. Wie lange dauert z.B. ein Gedanke wie „Der Text wird langweilig“ oder „Ich hole mir besser einen Kaffee“? Sie werden zustimmen, dass einem Gedanken nur sehr schwer eine Dauer zugewiesen werden kann. Im Grunde gibt es „den Gedanken“ für sich genommen überhaupt nicht. Stattdessen stellen wir einen Gedankenstrom fest, ein Gedankenkarussell, wobei ein Gedanke ständig einen anderen ablöst. Denken ist nicht statisch, sondern ein Prozess, der abläuft. Wie dem auch sei, Sie werden auf jeden Fall zustimmen, dass ein Gedanke nicht ewig andauert, sondern flüchtig ist. Nun kommt die entscheidende Frage: Ändert sich mit den Gedanken die Ich-Erfahrung? Wird durch das Erscheinen des Gedankens „Der Text wird langweilig“ etwas zu Ihrem Ich hinzugefügt? Oder verschwindet mit dem Gedanken „Ich hole mir besser einen Kaffee“ etwas von Ihrem Ich? Fehlt Ihrem Ich etwas, wenn Sie gerade mal nicht denken? Das kommt durchaus vor, wenn auch eher selten. Ich vermute, dass Ihre Ich-Erfahrung durch ihre Gedanken nicht beeinflusst wird. Das bedeutet aber, dass das Ich kein Gedanke darstellt, also mit dem Denken nicht direkt in Verbindung steht.

 

In ganz ähnlicher Weise können wir jetzt mit unseren Körperempfindungen und Gefühlen umgehen. Auch der Druck in unserem Bauch, die Wärme an unseren Fußsohlen, die leichte Spannung im Nacken sind vorübergehende Erscheinungen. Auch unsere Empfindungen folgen einem Prozess. Sie dauern vielleicht länger als die flüchtigen Gedanken, aber auch sie sind definitiv nicht bleibend. Pressen Sie z.B. zwei Finger aneinander und lassen Sie die Finger kurz danach wieder los. Kurzzeitig haben Sie einen leichten Druck gespürt. Fragen Sie sich, ob mit dem Druck etwas an Ihrer Erfahrung als Ich anwesend zu sein geändert hat. Ganz sicherlich nicht. Da Ihre Empfindungen und Gefühle nicht bleibend sind, können Sie Ihre bleibende Ich-Erfahrung nicht erklären. Ihr Ich ist also auch keine Empfindung oder Gefühl.

 

Neben unseren Gedanken, Empfindungen und Gefühlen wird unser Erleben von den Sinneseindrücken bestimmt, vom Sehen, Hören, Riechen und Schmecken, mit denen wir unsere Umgebung registrieren. Aber, um es kurz zu machen, sind auch diese Eindrücke alles andere als bleibend und sie beeinflussen wohl kaum unsere beständige Ich-Erfahrung. Andernfalls hätte ein blinder, ein tauber oder ein Mensch ohne Geruchs- oder Geschmackssinn eine geringere Ich-Erfahrung als ein gesunder Mensch. Das ist aber natürlich Unsinn. Und wenn Sie kurz die Augen schließen und wieder öffnen, dann werden Sie eindeutig feststellen, dass sich durch den Wegfall des Augenlichts nichts an Ihrer Ich-Erfahrung ändert. Das beweist, dass das Ich auch keine Sinneserfahrung darstellt.

 

Man kann die Untersuchungen folgendermaßen zusammenfassen: Alles was ein Objekt unserer Wahrnehmung darstellt, alles Gegenständliche bzw. Dinghafte ist wechselhaft, flüchtig. Damit bietet es keine Basis für unsere bleibende Ich-Erfahrung, für unser unbestreitbares Wissen, dass wir als die Erfahrenden anwesend sind. An dieser Stelle müssen wir allerdings mit unseren Begriffen aufpassen. Ich verstehe unter einem Objekt nicht nur einen fassbaren Gegenstand, wie ein Glas oder einen Tisch, sondern auch einen Gedanken oder ein Gefühl. Alles Objekthafte ist beschreibbar. Wir können darüber reden, uns austauschen. Es besitzt Eigenschaften, die man kommunizieren kann. Und natürlich können wir Gedanken mitteilen und auch unsere Gefühle sind begrifflich fassbar. Wir alle wissen, was Eifersucht ist oder Freude, sonst gäbe es keine entsprechenden Begriffe. Das heißt, Gedanken, Empfindungen und Gefühle sind in diesem Sinne genauso Objekte wie ein Geräusch, ein Anblick oder ein Geruch. Und all das sind wir NICHT!

 

Alles WAS wir wahrnehmen, sind wir nicht. Wir sind kein Objekt, kein Gegenstand. Das Ich besitzt keine objekthaften Eigenschaften. Objekte sind flüchtig, das Ich bleibt. Das ist keine Theorie, sondern unsere ureigene Erfahrung. Es gibt also neben allen objekthaften Erfahrungen (Gedanken, Gefühle, Gegenstände) auch eine konkrete NICHT objekthafte Erfahrung, die auf uns selbst verweist. Das Ich ist nicht im Gegenständlichen zu finden, sondern ist mit dem Gegenständlichen konfrontiert. Anders ausgedrückt: das prozesshaft Wechselnde fließt durch etwas statisch Bleibendes. Das statisch Bleibende sind wir selbst. Wird diese Tatsache nicht nur rational verstanden, sondern als fundamentale Wahrheit entsprechend begriffen, dann ändert sich das eigen Selbstempfinden in entscheidender Weise. 


Was ist das nun für eine „nicht objekthafte Erfahrung“, die wir als unsere Identität entdeckt haben? Wie ist dieses gegenstandslose Ich zu verstehen? Natürlich könnte man an dieser Stelle folgerichtig schließen, dass das Ich mit dem gleichgesetzt werden kann, was man technisch oder wissenschaftlich als „Bewusstsein“ bezeichnet, als das gegenwärtige Wissen um unser Sein. Aber durch diese verstandesmäßige Kategorisierung wird die Seins-Erfahrung vorschnell objektiviert und verfehlt dadurch unter Umständen seine existentielle Tiefe. Besser ist es, sich auf metaphorische Weise langsam zu nähern, indem man sich unter der Ich-Erfahrung zunächst einen Art Raum vorstellt, ein geistiges Feld, einen Behälter, in dem alle objekthaften Erfahrungen wie unsere Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen auftauchen und wieder vergehen. Ich nenne diesen Raum im Folgenden „Bewusstseinsraum“. 

 

So wie sämtliche materiellen Gegenstände einen dreidimensionalen Raum benötigen, in dem sie existieren können, so bedürfen auch alle unsere Wahrnehmungen einen Hintergrund, in dem sie eingebettet sind. Die Buchstaben eines Textes können nur gelesen werden, wenn sie sich von der weißen Farbe des bedruckten Papiers abheben. Ein Geräusch lässt sich nur als solches erfassen, wenn es aus einem leiseren Hintergrund oder aus der „Stille“ herausklingt. Dasselbe gilt für alle unsere Wahrnehmungen, auch für unsere Gedanken und Empfindungen. Wenden Sie sich Ihrer inneren Stimme zu und sprechen Sie in Zeitlupe: „Worin – (Pause) – höre – (Pause) – ich – (Pause) – die – (Pause) – Gedanken“. Im zeitlichen Zwischenraum zwischen den einzelnen Gedankenworten offenbart sich der Bewusstseinsraum als konkrete Erfahrung.

 

Während die einzelnen Wahrnehmungen, seien es Gedanken, Gefühle oder Sinneseindrücke, ständig variieren, bleibt der Hintergrund der Wahrnehmung, der Bewusstseinsraum, immer konstant anwesend.


Das bisher Gesagte soll im Folgenden schematisch aufgearbeitet und diskutiert werden. Hierbei wird zunächst streng zwischen zwei Kategorien unterschieden: dem Wahrgenommenen und dem Wahrnehmenden. Das Wahrgenommene umfasst sämtliche Gegenstände, Dinge, Gedanken und Empfindungen, die wir als solche erfahren. Alle diese Erfahrungen sind objekthaft beschreibbar. Wir können uns über sie verbal austauschen. Sie sind außerdem von vorübergehender Natur und sie lassen sich zueinander in Vergleich setzen. Objekte können z.B. größer oder kleiner, besser oder schlechter, heller oder dunkler sein. Auch Empfindungen und Gefühle sind stärker oder schwächer, angenehmer oder  weniger angenehm, ausgebreitet oder begrenzt. Alles Wahrgenommene ist daher relativ. Da das Wahrgenommene metaphorisch im sogenannten Bewusstseinsraum enthalten ist, könnte man es auch als Bewusstseins-INHALTE bezeichnen.

 

Dagegen handelt es sich bei dem Wahrnehmenden um eine nicht objekthafte Erfahrung, weshalb wir es verbal auch nicht in konkrete Worte fassen können. Wir können uns dem Wahrnehmenden nur metaphorisch nähern. Da es die Bewusstseins-Inhalte bewusst bezeugt, könnte man „Zeuge“ dazu sagen. Da es um seine gegenwärtige Anwesenheit weiß, wäre auch „wissendes Sein“ oder „Gewahrsein“ passend. In technisch-naturwissenschaftlicher Hinsicht nennen wir es „Bewusstsein“. Als Ausdruck unserer Identität verstehen wir darunter unser „Ich“. In Hinblick auf seine Unbeeinflussbarkeit und Widerstandslosigkeit sind auch Metaphern wie „Friede“ oder „Offenheit“ passend. Weniger glücklich empfinde ich die eher im Buddhistischen zu findenden Umschreibungen wie „Leere“ oder „Nichts“, da sie das bezeugende Moment ignorieren. Im Folgenden werde ich entweder den eher neutralen Begriff „Bewusstsein“ verwenden, oder ich verweise im Zusammenhang mit unserer Identität direkt auf das „Ich“. 

 

Im Gegensatz zu den Bewusstseins-Inhalten ist das wahrnehmende Bewusstsein nicht vorübergehend, sondern bleibend. Da es keine Attribute besitzt, kann es auch nicht verglichen werden. Demnach ist es nicht relativ, sondern absolut. Die Absolutheit der Ich-Erfahrung setzt sie auch in einen religiösen Kontext, der später noch behandelt wird. 

 

Zwischen dem Wahrgenommenen und dem Wahrnehmenden besteht scheinbar eine klare Grenze, die auf der obigen Folie als senkrechter Strich in Erscheinung tritt. Es ist sehr wichtig, dass das wahrnehmende Bewusstsein von seinen Inhalten zunächst getrennt wird. Nur dadurch erschließen sich verschiedene fundamentale Eigenschaften des Bewusstseins. Tatsächlich gibt es diese Grenze in Realität nicht. Das Wahrgenommene und das Wahrnehmende sind im Vorgang des Wahrnehmens niemals getrennt, sondern stellen ein und dieselbe Wahrheit dar. Aus didaktischen Gründen wird aber zunächst die Grenze beibehalten und im Folgenden nochmals genauer untersucht.


Man kann das vorige Schema variieren und den Bewusstseinsraum als einen Bewusstseinskegel umdeuten. An dessen Spitze ruht das formlose bezeugende Ich-Bewusstsein. Im Kegel, uns scheinbar am nächsten, befinden sich unsere Gedanken gefolgt von unseren Körperempfindungen, die, je nachdem, etwas weiter weg erscheinen. Jenseits der Körperoberfläche schließt sich unsere Umgebung an, die vereinfacht durch die Weltkugel symbolisiert wird und die über unsere Sinne auf uns einwirkt. Die meisten Menschen (und wohl auch höhere Tiere wie Elefanten, Delfine, Primaten) haben nun den Eindruck, dass ihr Körper mit seinen Sinnesorganen und seinem denkenden Geist einer ihm fremde Welt gegenübersteht. Die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich wird im Bereich der Körperoberfläche gezogen, die durch die senkrechte Linie symbolisiert wird. Für Neugeborene oder einfachere Tiere wandert die Linie sogar weiter nach links oder verschwindet weitgehend, da sie kaum zwischen dem eigenen Körper und der Umgebung unterscheiden können. Sie sind sozusagen noch eingebettet in den Schoß der Natur. Dagegen wandert die Linie nach rechts, je mehr sich Menschen mit ihrem denkenden Geist identifizieren und den Körper als biochemischen Apparat (als Eigentum des Ich) betrachten. Grob gesagt kennzeichnet die Lage der Grenze innerhalb des Wahrnehmungskegels die „egoische“ Phase der Bewusstwerdung mit seiner charakteristischen Selbstauffassung als getrenntes Ich. 


Die Selbsterforschung der eigenen Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke beweist eindeutig, dass nicht der Körper eine ihm fremde Welt bezeugt, sondern Welt und Körper werden beide entsprechend der obigen Folie vom Bewusstsein bezeugt. Die Aufteilung der Wahrnehmungen in ein Innen und Außen, in ein „in mir“ und „nicht in mir“ ist nicht real, sondern Folge einer gedanklichen Interpretation. Tatsächlich verläuft also die Grenze nicht zwischen Körper und Welt, sondern zwischen Ich-Bewusstsein und seinen Inhalten. Der Wechsel der Perspektive stellt einen entscheidenden Schritt dar, der die Erfahrung der Ich-Identität in die richtige Richtung rückt.

 

An dieser Stelle sei unbedingt nochmals darauf hingewiesen, dass auch die Grenze zwischen Bewusstsein und Inhalt nur die halbe Wahrheit darstellt. Wird die bewusste Ich-Identität experimentell weiter untersucht, dann wird offensichtlich, dass keine solche Grenze existiert. Die Grenze stellt vielmehr eine Art Abbildung, Verschränkung oder Aktivität dar. Dies wird an anderer Stelle verdeutlicht. Insgesamt kann aber schon jetzt festgestellt werden, dass das Gewahrwerden der eigenen Bewusstheit mit einer Verschiebung der Ich-Grenze im Wahrnehmungskegel nach rechts einhergeht. Je weiter rechts die Grenze, desto entwickelter die Selbsterkenntnis. Insofern erfolgt die volle Reife, wenn die Grenze ganz rechts im Ich-Bewusstsein verschwindet. 


Erfahrungsgemäß kann die „Nicht-Objekthaftigkeit“ des Bewusstseins von vielen Menschen nur schwer nachvollzogen werden. Daher schließt sich hier eine weitere Betrachtung an, die sich mit der Erfahrung der eigenen Bewusstheit auseinandersetzt.

 

Auf die einfache Frage „Sind Sie bewusst?“ antworten wohl alle Menschen mit einem klaren „Ja“. Es ist ihre unmittelbare Erfahrung, dass sie sich ihrer Umwelt, ihren Empfindungen und ihrer Gedanken bewusst sind. Die anschließende Frage „Woher wissen Sie das?“ ist dagegen weit weniger einfach zu beantworten. Woran erkennen Sie, dass Sie jetzt gerade bewusst anwesend sind? Die meisten Menschen beantworten die Frage indem sie auf die Wahrnehmung von Objekten verweisen. Sie sagen z.B.: „Ich höre doch Ihre Stimme“, oder „Ich sehe diesen Raum hier“. In dieser Reaktion spiegelt sich die konventionelle Selbstauffassung als getrenntes Ich. 

 

Die Antworten sind relativ leicht zu widerlegen. Schließlich wird die Frage „Sind Sie bewusst?“ auch von blinden oder tauben Personen in gleicher Weise mit „Ja“ beantwortet, wenn sie verstanden wird. Und auch querschnittsgelähmte Menschen ohne Körpergefühl antworten entsprechend. Verbleiben also nur unsere Gedanken. Hängt unsere Bewusstheit daher mit der Erfahrung unserer Gedanken zusammen? Ich denke, also bin ich? Auch nicht. Es kommt zwar selten vor, aber auch unser Geist schweigt mitunter, was ein sehr angenehmer Augenblick sein kann. Sind Sie in solchen Augenblicken als Ich abwesend, also bewusstlos? Mit Sicherheit nicht, sonst könnten wir jetzt nicht darüber sprechen. Ohne Gedanken kann zwar keine Ich-Identifikation als getrenntes Ich entstehen (da sie ein Gedanke darstellt), aber unsere tatsächliche Identität, unsere Bewusstheit ist zweifellos vorhanden. Das bedeutet aber, dass unser Wissen über unsere Bewusstheit nichts mit unseren gegenständlichen Erfahrungen von Objekten, Empfindungen und Gedanken zu tun hat. Es ist gegenstandslos, also nicht objekthaft. Und wir wissen außerdem um unsere Bewusstheit vor jeder anderen Erfahrung. Unsere Bewusstheit ist demnach unsere primäre Erfahrung, unsere Natur. Bewusstsein benötigt keine „Inhalte“ um bewusst zu sein. Anders ausgedrückt: unser Wissen „ich bin“ geht allem anderen Wissen voraus.

 

An dieser Stelle wird oft eingewendet, dass wir im Tiefschlaf ganz offensichtlich nichts von unserem Sein wahrnehmen. Dem kann entgegengehalten werden, dass im Tiefschlaf zwar keine Objekte vorhanden sind, an die wir uns erinnern könnten. Es gibt im Tiefschlaf keinen Raum und keine Zeit. Das „Ich bin“ ist aber durchaus vorhanden. Wir haben schließlich beim Aufwachen nicht den Eindruck, dass wir neu geboren werden. 


Wir wissen, dass wir bewusst sind, sonst könnten wir auf die Frage „Sind Sie bewusst?“ nicht antworten. Wir sind auch bewusst, dass wir wissen, dass wir bewusst sind usw. Bewusstsein ist also immer mit dem Wissen um sich selbst verknüpft. Bewusstsein ist immer selbstbewusst. Wäre das nicht so, dann könnten wir z.B. einen Schmerz spüren, ohne dass wir davon wissen. Hätten wir dann einen Schmerz oder keinen? Ein Widerspruch in sich. Bewusstsein ist daher nicht hintergehbar. Es steht sich selbst nicht in einer Subjekt-Objekt-Relation gegenüber. Das ist aber nur möglich, wenn es selbst keine objekthaften Eigenschaften besitzt. Es stände sich sonst selbst im Weg! 

 

Die Neurowissenschaften suchen seit Jahrzehnten nach einem Bewusstseinszentrum im Gehirn, nach einem sogenannten inneren Auge, welches die Bewusstheit erzeugt. Schon vor mehr als 100 Jahren haben Philosophen vorhergesagt, dass es ein solches Zentrum nicht geben kann. Gäbe es einen kleinen Beobachter in unserem Kopf, der für uns sieht, hört etc., dann bräuchte dieser wiederum einen Beobachter in sich, was zu einem unlogischen unendlichen Regress von ineinander gebauten Beobachtern führt (das sogenannte „Kartesische Kino“). Entsprechend wurde bis heute kein Bewusstseinszentrum im Gehirn gefunden. Gegenteilige Behauptungen von Gehirnforschern haben sich bisher regelmäßig als Fehldeutungen bzw. Nebelkerzen erwiesen.   


Doch selbst wenn wir das nicht objekthafte Bewusstsein als unsere Natur akzeptiert haben, bleibt ein fundamentales Problem übrig. Gemäß unserer Intuition besitzt jeder Mensch sein eigenes Bewusstsein, das seinen Sitz, wenn auch nicht auffindbar, irgendwo im Körper hat. Das individuelle Bewusstsein teilt somit auch die Begrenzungen des Körpers. Diese Auffassung ist der Urgrund für alles psychologische Leid, das in der Angst vor dem Tod wurzelt. Da wir richtigerweise intuitiv unsere Identität mit unserem Bewusstsein verknüpfen (im Gegensatz zu unserem Verstand, der das Ich materiell als „Ding“ deutet), fürchten wir uns vor nichts mehr, als dass wir dauerhaft unser Bewusstsein verlieren. Deshalb ist es eine entscheidende Frage, ob Bewusstsein, in welcher Form auch immer, tatsächlich auf einen Körper begrenzt sein kann.  

 

Hat man das Wesen des Bewusstseins als nicht objekthafte Erscheinung verstanden, dann lässt sich die Frage leicht beantworten. Denn wie sollte etwas Absolutes, das keine gegenständlichen Relationen kennt, begrenzt sein? Wäre es begrenzt, dann würde die Grenze als Objekt in Erscheinung treten. Damit würde Bewusstsein aber zu einer objekthaften Erscheinung und es bräuchte ein Metabewusstsein, das die Grenze als Grenze wahrnimmt. Oder kurz gesprochen: etwas Absolutes ist von Natur aus unbegrenzt, sonst ist es nicht absolut. 

 

Wem diese Begründung nicht reicht, der kann sich klarmachen, dass alles was wir von der Welt wissen und erfahren, nur durch unser Bewusstsein in Erscheinung tritt. Das Bewusstsein geht, wie wir festgestellt haben, jeder objekthaften Erfahrung voraus. Aber wie sollte ein Phänomen im Bewusstsein irgendeine Information bieten über das Bewusstsein selbst? Das wäre so, wie wenn das Bild eines Malers verantwortlich wäre für die Existenz des Malers. Oder eine Traumfigur hätte Macht über den träumenden Geist. Das klingt zurecht absurd.   

 

Schließlich können wir uns empirisch jederzeit vergegenwärtigen, dass in unserem Bewusstseinsfeld keinerlei Grenzen herrschen. Wenn wir uns auf unsere innere Gedankenstimme konzentrieren und anschließend die Aufmerksamkeit einem scheinbar äußeren Geräusch zuwenden, dann finden wir dazwischen in unserem Bewusstseinsfeld keinerlei Grenze. Wir nehmen außerdem beide akustischen Erscheinungen (die innere Stimme und das äußere Geräusch) aus derselben Perspektive wahr. Identische Erfahrungen können wir beim Vergleich beliebiger Wahrnehmungsformen machen. Probieren Sie es aus! Sie werden eindeutig feststellen, dass der Bewusstseinsraum unbegrenzt ist.  


Wenn nun aber Bewusstsein keine individuelle Erscheinung darstellt, dann bedeutet das doch klipp und klar: es gibt nur eines. Das wiederrum heißt, dass wir alle dasselbe Bewusstsein und damit auch dieselbe Ich-Identität besitzen. Es gibt nur ein Selbst! 

 

Was zunächst absonderlich klingt, lässt sich einfach erfassen. Untersuchen Sie die Antworten von verschiedenen Personen auf die Frage „Sind Sie bewusst?“. Kann der Eindruck, auf dem die jeweilige Antwort basiert, tatsächlich individuell sein? Kann sich die Erfahrung „bewusst zu sein“ oder „gegenwärtig zu sein“ tatsächlich von Person zu Person unterscheiden? Worin sollte der Unterschied bestehen? Jeder beschreibbare Unterschied wäre objekthaft und damit Gegenstand des Bewusstseins und nicht das Bewusstsein selbst. Eine nicht objekthafte Erfahrung kann sich per Definition nicht unterscheiden!

 

Bewusstsein und seine Inhalte lässt sich in einer Analogie mit einem Film auf einer Leinwand vergleichen. Dabei entspricht der Film den Bewusstseins-Inhalten und die Leinwand dem Bewusstsein. Während der Film unendlich variieren kann, bleibt die Leinwand immer was sie ist, der Hintergrund. Alles Unterscheidbare gehört zum Film, nicht zur Leinwand. Worin sollte die Individualität einer Leinwand bestehen?  

 

Alle objekthaften Ausprägungen unserer Existenz (Persönlichkeit, Charakter, Fähigkeiten) sind absolut individuell und völlig einzigartig. Keine Person gleicht einer anderen. Das ist unbestritten. Dasjenige aber, was aus unseren Augen herausblickt, das die objektive Welt wahrnimmt, ist NICHT individuell, sondern unpersönlich. Wie gesagt, wir alle besitzen dieselbe Ich-Identität.

 

Diese spirituelle Erkenntnis findet sich in vielen Religionen und Weltanschauungen, wenn auch oft undeutlich oder verdeckt. So nennt sich der alttestamentarische Gott „Jawe“, was so viel bedeutet wie: „Ich bin, der (das) Ich bin“. Ich bin das Wissen um mein eigenes Sein und es gibt nur ein einziges „Ich bin“. Auch Jesus spricht von der Übereinstimmung zwischen Ich und dem Vater (Johannes 10). Im Sufismus findet man z.B. Aussagen, die Gott als den einzig Erkennenden verstehen. Gott sieht durch die Augen der Person sich selbst. Aber auch intuitiv wissen wir um die Übereinstimmung in unserer Essenz, wir nennen sie Liebe. Liebe ist das Wissen um die Untrennbarkeit aller Wesen im Sein. Und dieses Wissen um die Einheit alles Seins, die Liebe, ist die wahre Grundlage aller Ethik. Sie ist die fundamentale Triebfeder für jegliche Verantwortung und für umsichtiges Handeln.